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Balkan Mix

»Von der Straße für die Straße«

Vor einigen Jahren hieß es, der klassische Straßenfußballer sei ausgestorben. Als die Ikonen Mehmet Scholl und Bernd Schneider von der großen Bühne abtraten, wurde großspurig verkündet, dass die Ära nun endgültig vorbei sei. Dass so eine Aussage an der Wahrheit vorbei zielt, ist naheliegend. Aber Stand 2014 kann man die These getrost als Bullshit abhandeln. Egal ob in der Champions League oder auf den Bolzplätzen Berlins – Straßenkicker regulieren.

Die Berliner Bolzplatz-Mannschaft Balkan Mix steht für die Essenz von Straßenfußball. Ich treffe einen Teil des Teams beim Käfig an der Panke im Wedding. Etwas abseits der grauen Fassaden des Nordberliner Bezirks messen sich hier seit Jahren Jungs, die ihren großen Idolen nacheifern und deren Finten perfektionieren. Auch die Spieler von Balkan Mix verbindet eine große Geschichte mit dem Platz. Einige der Jungs sind im Wedding aufgewachsen und spielen hier schon seit Kindertagen. Spätestens seitdem sie hier ein Bolzplatz-Turnier nach dem anderen für sich entschieden haben, war klar: »Das ist unser Platz!«

»Wir wollen zeigen, dass es egal ist, wo man herkommt. Dass man sich auch ohne großes Geld zusammenraffen kann, um mit Fußball erfolgreich sein.«

Balkan Mix ist ein Team, das die besten Straßenfußballer Berlins vereint und darüber hinaus für mehr steht. Dreizehn hochtalentierte Player, die alles für ihre Leidenschaft geben: Ehrgeiz, Teamgeist und Spaß. Mit diesen Werten treten sie an und sind für ihre Gegner kaum noch zu schlagen. So entwickelt sich die Truppe langsam aber sicher zu einem stadtbekannten Phänomen. Und alle anderen Bolzplatzkicker Berlins sehnen sich darum nur noch mehr danach, sie endlich zu besiegen.

Sanel Begzadic ist das Mastermind hinter dem Konstrukt Balkan Mix. Er hat das Team vor gut einem Jahr ins Leben gerufen und kümmert sich seitdem um alle Belange auf und neben dem Platz. Er ist Manager, Teamchef und Spieler in Personalunion. Spielend vereint er die Aufgabengebiete. Er ist stets für seine Mannschaft da und hat klare Vorstellungen, was er für sie und mit ihnen erkämpfen will: »Wir haben viele Jungs, die locker Fußballprofi sein könnten, es aber aus verschiedenen Gründen nicht gepackt haben. Ich möchte, dass die Jungs nun den Respekt bekommen, den sie verdienen.« Sanel ist es wichtig, dass sie als Fußballer wertgeschätzt werden und stellt klar, dass es ihnen um das Wesentliche, den Sport, geht. »Wir sind alle auf der Straße groß geworden und sind jetzt auch Vorbilder für die jüngere Generation. Wir wollen zeigen, dass es egal ist, wo man herkommt. Dass man sich auch ohne großes Geld zusammenraffen kann, um mit Fußball erfolgreich sein.«

Sanel

IDOL: Zinedine Zidane, Muhammad Ali
Schuh: Nike Air Max1
In Berlin: 40Seconds, Lale, Non-Stop
Musik: »Bang Bang« Shindy & »Endgegner« Bushido

Milos

IDOL: Ip Man
Schuh: Nike Roshe Run
In Berlin: 40 Seconds, Cafe Miro
Musik: »I need a Girl Part 2« P. Diddy

Dejan

IDOL: Mama
Schuh: Nike Balenciaga
In Berlin: Tube Station, Cafe Xerima
Musik: »Julius Ceasar« Shindy

Moris

IDOL: Ronaldinho
Schuh: Nike Blazer
In Berlin: Cafe Xerima
Musik: »JFK« Shindy

Pipo

IDOL: Muhammad Ali
Schuh: Nike AirMax 90 Hyperfuse Independence Day
In Berlin: Cafe Xerima
Musik: »No Joke« Shindy feat. Ali

Selvedin

IDOL: Iker Casillas
Schuh: Nike Air Max 1
In Berlin: Lale, Nonstop
Musik: »Sterne« Shindy feat. Bushido

Chefstyler

An Sanels Mission wird hinter den Kulissen gearbeitet. Das passiert unbewusst. Wer die Jungs im Umgang miteinander beobachtet, sieht davon erstmal nichts. Stattdessen wird konstant miteinander geflachst. Das gemeinsame Rumhängen. Dass auch mal einer verarscht wird. All das sind Rituale, welche die Mannschaft weiter zusammenwachsen lassen. Gemeinsam kicken ist ein Teil des großen Ganzen. Gemeinsam ausgehen, den Alltag miteinander bestreiten oder zusammen auf Reisen gehen, sind mindestens genauso wichtige Elemente der Freundschaft zwischen den Jungs. Konstanter Gossip und die Planung der Aktionen laufen zentral über die WhatsApp-Gruppe, in der die ganze Gang am Start ist. »Konstantes Bauchmuskeltraining« sei allein durch die Lektüre des Chats garantiert. Man steht ständig in Kontakt. Egal ob mit dem Handy, auf HipHop-Parties in der Tube Station oder entspannt bei einer Shisha in der LALE Lounge im Wedding. »Wir sind wie Brüder, wir sind eine Familie. Man ist stolz darauf dazuzugehören«, betont Pipo.

Allgegenwärtig ist dabei selbstverständlich Style. Auf und neben dem Platz. Die Jungs lachen. Klar, denn das ist Thema wichtig – doch am Corner sitzt die Jogginghose nach wie vor am gemütlichsten. Aber es kommt natürlich auf den Anlass an und wichtiger ist sowieso das Schuhwerk: 1er oder 90er Air Max sowie Blazer und Shox müssen es eigentlich sein. Nun wird auch offensichtlich, wer der Styler der Gang ist. Pipo trägt die Air Max 90 Hyperfuse aus dem Independence Day Pack. Limitierte Auflage und schon jetzt ein Sammlerstück. Er lacht: »Ich habe mindestens 20 Paar Air Max zuhause. Aber dafür trinke ich keinen Alkohol und rauche nicht.« Gut, eine Wasserpfeife darf es schon mal sein. Ansonsten setzt der Mann in Sachen Geldfluss jedoch die richtigen Prioritäten. Pipo betont, dass es dabei um den Lifestyle auf der Straße geht. Hier ist Individualität King und die ist nicht nur Pipo wichtig. Trotzdem halten die Jungs gemeinsam fest: Auf dem Platz sollte der Look einheitlich sein. Ein Team, ein Ziel, dazu ein Look. Fresh sollte der schon sein.

»Auf der Straße ist Individualität King, aber auf dem Platz sollte der Look einheitlich sein. Ein Look. Aber fresh sollte der schon sein.«

Einheitlich trittt Balkan Mix als Team auf, auffällig bunt sind dagegen die kulturellen Hintergründe der Jungs. Die Mannschaft ist multikulturell aufgestellt. Angefangen hat es dabei mit einigen Jungs, deren Eltern in den 90er Jahren vor den furchtbaren Kriegen im ehemaligen Jugoslawien geflohen sind. »Unsere Elterngeneration ist durch die Kriegszeit geprägt. Das was sie miterleben mussten, kriegst du als Kind natürlich mit. Da hörst du auch sowas wie: ›Befreunde dich nicht mit den Serben!‹. Aber als Kind wolltest du ja einfach nur kicken. Wenn dann Serben dazukamen, hatte man am Anfang vielleicht noch Vorurteile, weil du das Gequatsche deiner Eltern im Kopf hattest. Aber das ist Politikscheisse. Wir wollten das ausblenden und ganz normal Fußball spielen und unser Leben genießen!« Inzwischen verstehen sich im Team von Balkan Mix längst nicht nur die Serben, Kosovo-Albaner, Bosnier und Kroaten als Einheit. Dazu kamen noch Marokkaner, Palästinenser und Deutsche. Nun sind es einfach dreizehn Jungs, die alle paar Wochen der Konkurrenz beweisen wollen, was sie drauf haben. Wo man herkommt, ist dabei wirklich nebensächlich.

»Wir sind wie Brüder, wir sind eine Familie. Man ist stolz darauf, dazu zu gehören.«

Auf dem Rapfilm hängengeblieben

Statt auf Herkunft achtet man auf Lockerheit. Bei den Jungs folgt eine Punchline auf die nächste. »MCs wollen in die Juice, ich will in die Vogue!«, rappt Dejan beim Fotoshoot. Die Zeile ist von Shindy. Die Jungs haben ihre Autos direkt bei der Panke geparkt. Als wir losfahren, um an anderen Locations im Wedding weitere Bilder zu schießen, dröhnt aus gleich drei Autos Shindys aktuelle »FVCKB!TCHE$GETMONE¥« LP. Shindy war es - so die einhellige Meinung - der »Trap-Flows« in Deutschland so richtig und auf eine coole Art etabliert hat. Die Jungs sind definitiv auf dem Rapfilm hängengeblieben. Neben Deutschrap feiern sie auch Stuff aus Übersee. Auch, aber nicht nur von Größen wie Kanye oder Jay-Z.

Es sind die Parallelen zwischen ihrer Interpretation von Fußball und der HipHop-Kultur, die Rap für Balkan Mix so attraktiv machen. Egal wo man hinschaut: Junge Männer, die es von der Straße an die Spitze schaffen wollen. Das Bewusstsein, dass man das Talent dazu hat, die Menschen da draußen zu begeistern. Genossen wird alles, was einem die persönliche Gabe ermöglicht. Dabei motivieren sie sich mit der eigenen Begeisterung fürs Spiel. Ein echter Rapper hört nicht auf zu rappen, wenn das große Geld ausbleibt. Die Kicker von Balkan Mix leben Fußball nach demselben Prinzip. Es geht vielmehr um den Spaß an der Sache und um die persönliche Weiterentwicklung. Straßenfußballer sind Künstler. In blitzschnellem Kombinationsspiel, blindem Verständnis innerhalb einer Mannschaft und gelebter Spielfreude liegt eine künstlerische Ästhetik. Fußballfans wissen, wovon ich spreche. Fußball ist in solchen Momenten ein unergründlicher Algorithmus. Man kann ihn nicht verstehen. Man muss ihn erleben.

Berliners with attitude

Ein HipHop-Track von Jigga war es auch, zu dem Balkan Mix bei der Streetsoccer-Weltmeisterschaft in Dubai einlief. Bei der Bolzplatz-WM waren die Berliner als Vertreter Deutschlands angereist, nachdem sie alle Vorentscheide für sich entschieden hatten. Mit einer provokanten Songauswahl wollten die Jungs auch anecken und zeigen, was ihren Style ausmacht. Und was wirkt motivierender als der scheppernde „Dirt Off Your Shoulder“-Trap-Remix von Brillz und Z Trip. Dass man die Zuschauer so aus der Traumwelt herausreißen konnte, in der deutsche Mannschaften eher mit Schlagern vom Ballermann auflaufen? Perfekt. Berliners with attitude. Jungs, die ihre Stadt mit Fug und Recht international vertreten können.

»Für uns ist es eine Ehre, Berlin in Deutschland repräsentieren zu dürfen.«

»Aus Berlin für Berlin.« Diesen Spruch hat sich die Alte Dame Hertha BSC auf die Fahnen geschrieben. Wirklich gelebt wird das Motto von Balkan Mix. Auf Berlins Straßen sind sie aufgewachsen und dort haben sie sich von klein auf mit allen gemessen, die sie herausgefordert haben. Ob am Ball oder im Alltag. Und dafür fordern sie Respekt ein. Respekt dafür, dass keiner der Jungs sich ausruht. Alle spielen und trainieren mehrmals die Woche auf Großfeld, Bolzplatz oder in der Halle. »Für uns ist es eine Ehre Berlin in Deutschland repräsentieren zu dürfen. Auch weil wir wissen, dass Berlin neben NRW die besten Straßenfußballer hervorbringt.« Dazu stellt Sanel klar, dass alle Mitglieder des Teams einen Job haben oder studieren. Sie alle arbeiten hart an ihrem Werdegang und müssen das auch. Sie kommen aus dem Viertel und wollen da raus.

Die Freundschaft und das gemeinsames Ziel haben Balkan Mix zum erfolgreichsten Bolzplatz-Team in Berlin gemacht. »Wir sind mit dem, was wir erreicht haben unglaublich glücklich. Alles was jetzt noch dazukommt, jeden zusätzlichen Schritt, den wir noch machen können, genießen wir. Aber wir wollen uns immer weiter beweisen." Deutschland wieder bei der Streetsoccer-Weltmeisterschaft vertreten – so wie in Dubai in diesem Jahr – das ist ein Traum, der die Jungs antreibt. Revanche für das unglückliche Vorrunden-Aus in den Emiraten. Beweisen, dass diese Jungs von der Straße in ihrem Metier alles erreichen und alle schlagen können.

Text & Interview
Jonathan Nixdorff

24.11.2014
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