#backinthedays: Three 6 Mafia – Tear Da Club Up (1997)

Ein Großteil der schländlichen Rap-Nasen kennt ihren Namen, vielleicht ihren Großraumdisco-Gassenhauer „Stay Fly“, das ikonische „Hard Out Here For A Pimp“ vom „Hustle & Flow“-Soundtrack und vielleicht noch die grenzdebil-genialen Mixtapes aus Juicy Js Taylor-Gang-Phase. Doch ohne Three 6 Mafia gäbe es keinen A$AP Rocky, keinen Travis $cott und ja, auch keinen Frauenarzt.

Memphis, Tennessee, schwermütige Wiege des Blues und Wirkungsstätte von Elvis Presley, B.B. King, Howlin‘ Wolf, aber auch ikonischen Soul- und R&B-Labels wie Stax und Hi Records. Eine Pilgerstätte für Musikliebhaber auf der einen Seite also. Auf der anderen Seite ist Memphis aber eine offenen Wunde im Bewusstsein der afroamerikanischen Community. So galt die Stadt schon während der Endphase der Sklaverei als Handelszentrum für Baumwolle und erlangte nicht zuletzt zweifelhaften Ruhm als Sterbeort von Dr. Martin Luther King im Jahr 1968. Verwüstungen, Straßenaufstände und wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit gehören zu Memphis‘ Geschichte – und wegen seiner sozialen Brennpunkte landet Memphis in US-Polizeistatistiken noch immer regelmäßig unter den Städten mit der höchsten Kriminalität.

Diesem Südstaaten-Sündenpfuhl entstammt eine Band, die wie kaum eine andere das heutige Rap-Verständnis prägt. Eine Crew, die Bones und Team Sesh, den A$AP-Mob, Denzel Curry, SpaceGhostPurrp, genauso wie Frauenarzt oder Blokkmonsta beeinflusst hat: Three 6 Mafia.

Der Einfluss von Triple Six und ihrem Prophet-Entertainment-Umfeld lässt sich aber auch daran ablesen, dass das in Memphis gedrehte Ghetto-Drama „Hustle & Flow“ lose auf dem Leben ihres Kumpels Skinny Pimp basiert. Überhaupt versammelten Juicy J und DJ Paul über die Jahre eine Menge Leute um sich, die mal mehr, mal weniger zur festen Besetzung zählen und für Distributionz-Kinder wie MC Basstard oder Mr 187 mindestens Legendenstatus innehaben: Crunchy Black, Lord Infamous, Gangsta Boo, Koopsta Knicca, Playa Fly, Project Pat oder La’Chat. Selbst die in Memphis geborene Blue-Eyed-Soul-Schmalzlocke Justin Timberlake trägt Shirts mit Three-6-Logo bei Interviews und featurete sie sogar auf seinem 2006er Album „FutureSex/LoveSounds“.

Doch als das Debütalbum „Mystic Stylez“ 1995 erscheint, juckt das außerhalb der FedEx-Metropole erst mal keine Sau. Die rohe, ungeschliffene Underground-Attitüde, welche auf den heimischen Vierspurgeräten zwischen reduzierten 808s und Horrorfilm-Samples Anfang der 1990er festgehalten und als Kassetten in Umlauf gebracht wird, ist derart eigenständig, dass Three-6-Mixtapes im Schatten der Hochglanz-Produktionen von Bad Boy oder Death Row schlichtweg zu dumpf wirken. Lean-getränkte Halftime-Beats mit klaren Westcoats- und Houston-Einflüssen sowie der schwindelerregende Doubletime-Flow, der zu dieser Zeit höchstens noch bei Bone Thugs-N-Harmony zu finden ist, sind in Zeiten von Realkeeper-Rap und eingängigen Funk-Samples für die breite Masse einfach nicht interessant. Der ohnehin auf New York fixierte Deutschrap-Kanon nimmt damals gar noch weniger Notiz, nur in verrauchten Kacheltisch-Kreisen landet Südstaaten-Rap überhaupt mal im Player.

Zudem addieren die Gründungsmitglieder DJ Paul, Juicy J und Lord Infamous sowie Gangsta Boo oder Koopa Knicca zu ihren realitätsgetreuen Straßengeschichten eine gehörige Portion Mord, Totschlag und okkulte Gewaltfantasien. Auch wenn Wikipedia gerne Gangsta N-I-P, Brotha Lynch Hung, Geto Boys, aber auch Big L (was natürlich Schwachsinn ist) als Pioniere des Horrorcore-Raps auslegt, sind Three 6 zumindest für seine Etablierung verantwortlich. Ihr eigenes Imprint Prophet Entertainment sowie der beachtliche Tape-Hustle ist für den Berliner Untergrund um BC und das spätere Aggro-Camp ebenfalls ein wichtiges Vorbild gewesen.

Allerdings entfernt sich schon das dritte Album „Chapter 2: World Domination“ zunehmend von der grottigen Gruselfilm-Ästhetik, hin zu einem massenkompatibleren Gangsta-Rap-Entwurf. So fällt zum Beispiel auch der Begriff „Crunk“ erstmals auf dem ’96er Vorgänger „Chapter 1: The End“ und stammt damit offiziell aus M-Town, nicht aus der späteren Crunk-Hochburg Atlanta. Im Windschatten des wachsenden, nationalen Fames von Südstaaten-Acts wie Master P oder Juvenile produziert auch die Mafia Ende der 1990er vermehrt Clubmusik. Zwar befindet sich ihr vermutlich wichtigster Song „Tear Da Club Up“ bereits auf dem Debüt, doch erst die Neuauflage „Tear Da Club Up 97“ beschert Three 6 Mafia eine landesweite Reputation. Für Fans der Gründungsjahre ein hartes Brot, denn mit dem einsetzenden Erfolg kommt es über die Jahre immer wieder zu bandinternen Zerwürfnissen – Geld, Freundschaft, ihr wisst schon. Als sie 2006 den Soundtrack-Oscar für „Hard Out Here For A Pimp“ gewinnen, ist das ehemalige Sextett nur noch ein Trio. Heute agieren nur noch DJ Paul und Crunchy Black als Da Mafia 6ix, während ihr wichtigster Songwriter Juicy J lieber mit Wiz Khalifa rumhängt und seinen zweiten Rap-Frühling erlebt.

So steht „Tear Da Club Up 97“ für das Ende der Ära des klassischen Memphis-Rap und zeitgleich symbolisch für den Beginn der bis heute anhaltenden Dominanz von Südstaaten-Rap. Ein Song, der mit Hi-Hat-Gewitter, bedrohlichen Stakkato-Pianos, atmosphärischen Synthie-Flächen, einer Mitgröl-Hook wie aus dem Lehrbuch und gedoubletimeten Drohgebärden sowie ausgiebigem Drogenkonsum quasi die Ur-Rezeptur von dem zusammenfasst, was du heute Trap nennen würdest. Und woher genau kommt noch mal die Wendung „Brennt den Club ab“? Genau.