#backinthedays: Sido – Mein Block (2004)

Am 04. April 2004 erschien ein Song, der Deutschrap für immer verändern sollte. Ein Song, der das Gesicht (no pun intended) und das gesamte Verständnis von HipHop in Deutschland beinahe schlagartig vom gymnasialen Wortspielplatz an die realtalkende Straßenecke schubste – und ursprünglich gar keine Single sein sollte: „Mein Block“.

Es war eine Zeit, in der deutscher HipHop endgültig von der Sub- zur Massenkultur wurde. Rund drei Jahre nach dem Finale des ersten deutschen HipHop-Hypes um Mittelstands-Rap-Bands wie Absolute Beginner oder Freundeskreis, war die einstige Goldgräberstimmmung um vordere Chartplatzierungen, große HipHop-Festivals und Erfrischungsgetränk-Sponsorings schnell einer allgemeinen Ernüchterung gewichen. Der jahrelange Kampf um Anerkennung als authentische Kunstschaffende im deutschen Pop-Betrieb war HipHop-Schland zwar endlich gesellschaftsmittig gelungen (man bedenke etwa, dass es eine HipHop-Kategorie beim ECHO erst seit dem Jahr 2001 gibt), doch hatte sich damit auch in schwindelerregender Hast kommerzialisiert – der Ausverkauf musste eine zwangsläufige Konsequenz werden. Deutscher Rap hatte seine kulturelle Unschuld verloren. Zwischen 2001 und 2004 war der Markt derartig übersättigt, dass große Labels sogar Rapper-Signings kategorisch ablehnten, szene-intern stagnierten Protagonisten ohne neue Impulse vor sich hin, kulturelle Unfälle wie der „HipHop Tatort“ regierten das Tagesgeschäft – call it Katerstimmung.

„Mein Block“ dokumentierte erstmals greifbar für Deutschrap, wie ein deutsches „Ghetto“ überhaupt aussieht.

Genau dieser Umstand war der Grund, warum es im (vor allem im Berliner) Untergrund schon Jahre zuvor zu brodeln begann. Angeführt durch Royal Bunker bzw. Mikrokosmos oder auch das Bassboxxx-Umfeld hatte sich, rund um den Schöneberger HipHop-Laden Downstairs, eine Tape-Kultur herausgebildet, die weit über die Berliner Stadtgrenzen hinaus Fans gewonnen hatte. Die neuen Stars hießen die Sekte, M.O.R., MC Bogy, Frauenarzt, Bushido oder King Orgasmus One. So unterschiedlich das Kunstverständnis und der Rap-Ansatz dieser Acts war, so gleichrangig war ihr Ziel, dem mittelständischen Abiturienten-Rap aus Westdeutschland einen straßengeschulten Denkzettel zu verpassen.

Als „Mein Block“ im Jahr 2004 auf der „Juice“-CD erschien, eigentlich nur als geremixte Trotzreaktion auf die vormals in der Heftbeilage releasten Tracks von Blumentopf und Hecklah & Coch gleichen Namens, hatte diese Entwicklung das Kulturverständnis von Deutschrap längst infiltriert. Berliner Slangbegriffe wie „Opfer“ oder „Nutte“ wurden landesweit auf dem Schulhof ausgetauscht wie Fußball-Sammelkarten, der vergleichbar harmlose Battle- oder Comedy-Rap aus den ehemaligen Hochburgen Hamburg und Stuttgart verlor merklich an Bedeutung. Auch der durchschlagende Mainstream-Erfolg von Bushidos düsterem Problembezirk-Epos „Vom Bordstein bis zur Skyline“ führte bereits 2003 symbolisch vor, dass es selbst in der deutschen HipHop-Gemeinschaft gesellschaftliche Klassenunterschiede gibt. Vielerorts wurden die kontroversen Texte und das Bemühen von Images aus eher unterprivilegierten bis kriminellem Milieu von der bisher eher bürgerlich geprägten HipHop-Szene verurteilt oder belächelt. Der aufsteigende Aggro-Berlin-Erfolg, der die nächsten Jahre anhalten würde, wurde dementsprechend permanent von der Frage begleitet: „Gibt es Ghettos in Deutschland?“

„Mein Block“ stellt in diesem Kontext auf vielen Ebenen einen Umbruch dar. Sidos bildhafte Hochhaus-Freakshow beinhaltete zwar durchaus komödiantische Elemente und war somit für den Rap-Mittelstand zugänglicher als etwa Bushidos bedrohliche Gangster-Gebärden, aber machte mit seinem professionellem Hochglanz-Video zwischen tristen Betonblocks und versifften Treppenhäusern auch deutlich: Sido kommt tatsächlich aus einer Gegend, in der sozial Benachteiligte wohnen. Damit dokumentierte „Mein Block“ erstmals greifbar für Deutschrap, wie ein deutsches „Ghetto“ überhaupt aussieht. Die öffentliche Wahrnehmung wandelte sich schlagartig: Waren Rapper in Deutschland vorher oft als kiffende, aber kreative Paradiesvögel in zu übergroßen Hosen verstanden worden, waren sie plötzlich frauenverachtende, drogenverherrlichende, rassistische oder gewalttätige Bösewichte. Deutschrap wurde ein Bad Boy.

Auf der anderen Seite steht „Mein Block“ und natürlich das heutige Klassikeralbum „Maske“ auch für die beginnende Dominanz von Aggro Berlin, der Start der „Aggro-Ära“, und damit auch dem streitbaren Fakt, dass Images und Trademarks für Rapper in Deutschland immer wichtiger wurden. Damalige Topstars wie Curse, Samy Deluxe oder Kool Savas besaßen zwar alle ein sehr ausgeprägtes Rap-Stilbewusstsein, hatten sich aber um Oberflächlichkeiten wie Kleidung oder öffentliches Auftreten nur wenig geschert. Sido hingegen trug eine Maske. Öffentlichkeitswirksames Aufsehen war quasi vorprogrammiert – keiner wusste, wie der Typ überhaupt aussah. Ein hitziger Diskussionsgegenstand, wenn man sich vor Augen führt, wie unverblümt der „Arschfickmann“ über Sex, Gewalt und Drogen plauderte und in Interviews auch gerne mal über die deutsche Rap-Elite lästerte. So gesehen hat „Mein Block“ damit ebenfalls etwas vorweggenommen, was Cro, Lance Butters und in gewisser Weise auch Kollegah später ähnlich erfolgreich genutzt haben: die Faszination des Ungewissen.