#backinthedays: Gang Starr – Full Clip (1999)

In den 90ern war Rap vor allem rough, rugged, raw und – ganz wichtig – real! Gimmicks, Images, gar radiotaugliche Pop-Singles? In der unangefochtenen Hochburg New York sowie weiten Teilen der Szene nicht einfach nur verpönt, sondern die meiste Zeit verachtet. Neben so heiligen Konstellationen wie Pete Rock & CL Smooth oder Kool G Rap & DJ Polo, waren vor allem Guru und DJ Premier das personifizierte Musterbeispiel dieses Rap-Verständnisses. Gang Starr, der fleischgewordene New York State Of Mind.

Bevor Premo jedoch jenen Signature-Sound entwickelte, der besonders auch in deutschen Kinderzimmern zu Tode kopiert wurde, durchliefen beide eine leicht chaotische Orientierungsphase. Keith Elam aka Guru, damals noch unterwegs als Keithy E.M.C., hatte im heimischen Boston ein Demo-Tape unter dem Namen Gang Starr Posse mit seinem DJ Mike Dee sowie dem Beatboxer Damo D (der später bei „No More Mr. Nice Guy“ wieder auftaucht) aufgenommen und in den Jahren 1987/1989 bereits ein paar Maxis über das frisch gegründete Label Wild Pitch releast. Ein paar tausend Kilometer weiter in Houston entschloss sich etwa zeitgleich ein College-Student namens Christopher Martin, künftig für seine rappenden Study-Buddies als DJ Waxmaster C in der Gruppe Inner Circle Posse aktiv zu sein. Auch hier wurde ein Demo produziert, das über einen Arbeitskollegen aus dem Plattenladen, wo Premo damals jobbte, in die Hände von Guru geriet und letztlich auf Stu Fines New Yorker Schreibtisch landete. Ein kleiner Fun Fact ihrer Geschichte ist also: Sowohl Guru als auch Premo stammen gar nicht ursprünglich aus New York – Gang Starr waren zugezogen (maskulin).

Letztlich ist es ironischerweise dem unromantischen Ruf des Geldes zu verdanken, dass sich ihre Wege final kreuzten. Da der strebsame Juristensohn Guru regelmäßig in die Mutterstadt New York fuhr, um Auftritte für seine Crew zu organisieren oder zu netzwerken, die anderen Gruppenmitglieder allerdings diesen Ehrgeiz nur für Geld aufbringen wollten und lieber auf Gelegenheiten von Boston aus warteten, suchte er schließlich den Kontakt zu diesem talentierten Texaner mit den krassen Scratches auf dem Demo-Tape und fragte ihn, ob er für eine Albumproduktion nach New York kommen wolle. Der Rest ist – und diese Floskel sei erlaubt – Rap-Geschichte. Eine amüsante Randnotiz hierbei ist übrigens, dass Wild-Pitch-Chef Stu Fine beim Debüt „No More Mr. Nice Guy“ mit Premos damaligem Künstlernamen Waxmaster C nicht zufrieden war. Tatsächlich war es dann Premos Mutter, die aus einer von ihm erstellten Namensliste, letztlich „Premier“ aussuchte – mit dem Kommentar: „Das klingt mehr nach dir.“ Kinder, hört auf eure Mütter!

Premos Produktionsstil war für New York, aber auch für die meisten Deutschrap-Hobbyproducer mindestens richtungsweisend.

Als „Full Clip“ (auf den Straßen vor allem known as „Big L, Rest in Peace“) 1999 erscheint, liegen die 1990er bereits hinter dem Duo und das zehnjährige Schaffen wird im Untertitel des Best-ofs „Full Clip“ als „A Decade Of Gang Starr“ zusammengefasst. Tatsächlich befinden sich Guru und Premier auf dem Zenit ihres Schaffens: Ein Rapper, der elegant mit eindringlicher Rauchstimmen-Delivery zwischen sozialkritischem Conscious-Rap und selbstbewusstem Braggadocio switchen kann und ein Producer/DJ, der erst das Jazz-Sampling perfektioniert und anschließend das Abziehbild des 90er-Boombap-Sounds aus zuckersüßen Soul-Versätzen sowie knochentrockenen Rumpel-Drums zimmert – zwei Meister ihrer Disziplin.

Noch im Fahrtwind ihres ’98er Opus Magnum „Moment Of Truth“ differenziert Premo seine charakteristischen Faustformel-Beats aus. Er produziert bereits seit den Nachwehen von „Daily Operation“ zunehmend gruppenextern für MCs wie Jay-Z, Nas, Biggie, Rakim, das D.I.T.C.-Kollektiv um eben Big L und Fat Joe, aber auch Bone Thugs-N-Harmony. Sein unverkennbarer Produktionsstil aus pointierten Word-Cuts, heruntergebogenem Drum-Arrangement und kurzatmigen Sample-Schnipseln ist für die New Yorker Indie-Schmuddelkinder um Rawkus Records oder die Lyricist Lounge mindestens kultureller Leitfaden. Doch auch den meist komplett auf die Eastcoast fixierten Deutschrap-Hobbyproducern wird spätestens mit dieser 12″ klar, dass Premos eingängige Instrumentals quasi die Essenz modernen HipHop-Sounds darstellen – und entsprechend kopiert werden. (Man vergleiche einmal „Work“ und „Zeiten ändern sich“ des Hamburger No-Hit-Wonders City Nord aus dem Jahr 2000.)

Über das Solowerk von Guru streitet man sich bereits seit Mitte der 90er. Die okaye, aber folgenschwere „Jazzmatazz“-Reihe verantwortet musikalische Irrtümer wie Acid- oder Nu-Jazz mindestens mit, und spätestens nach dem letzten Gang-Starr-Album „The Ownerz“ 2003 ist man sich recht einig: Gurus mittelmäßige Solo-Alben, besonders das Spätwerk mit „Super Producer“ Solar darf man getrost ignorieren. Erst, als im April 2010 bekannt wird, das Keith Elam seit einiger Zeit im Krankenhaus liegt, besinnt sich die HipHop-Community auf Gurus Vermächtnis und sendet virtuelle Genesungswünsche (#prayforguru), die leider nicht verhindern können, dass Gifted Unlimited Rhymes Universal am am 19. April 2010 einem Krebsleiden erliegt.

DJ Premiers Diskografie umfasst dagegen reihenweise Klassiker, die HipHop-Partys weltweit bis heute zumindest noch einleiten – „Real HipHop„, „When I B On Tha Mic„, „Boom„. Für viele Deutschrap-Kiddies aus der Generation nach 2000 sind Premo-Songs oft Einstieg in den amerikanischen Rap-Betrieb gewesen. Die ersten Fruity-Loops-Beats des besten Homies oder die ersten DJ-Mixes deines Klassenkameraden bedienen sich oft, auch aufgrund der reduzierten Eingängigkeit, direkt an Premiers signifikanter Handhabe. Sein ikonischer Sound hat sich bis heute allerdings kaum verändert, weshalb auch Preem sowohl im US-Trillwave-Sumpf um etwa den A$AP Mob oder die Beastcoast als auch der frankophilen Post-Aggro-Ära hierzulande, vermehrt um seine Relevanz bemüht ist. Dass Leute wie Kanye West, The Game oder Joey Bada$$ trotzdem immer noch mit ihm arbeiten wollen, untermauert allerdings, welches Standing der „Man Of Few Words“ auch 27 Jahre nach Erscheinen des Gang-Starr-Debütalbums inne hat.

So stehen Gang Starr, trotz aller interner Unstimmigkeiten aus Alkoholproblemen und der Exzentrik Gurus, bis heute als die wandelnde Blaupause des perfekten HipHop-Duos. Ein Bandgefüge, das wie kein anderes das Selbstverständnis und den Sound nicht bloß mehrerer Generationen, sondern einer ganzen HipHop-Ära maßgeblich mitbestimmt hat. DJ Premier ist am Montag 50 Jahre alt geworden. Happy Birthday nachträglich, Preem!