„Stan“ – Eminems wichtigster Song

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Am letzten Montag vor 17 Jahren, der 23. Mai 2000 erschien „The Marshall Mathers LP“ – das ikonische dritte Album von Eminem. Es machte das Detroiter Rap-Wunderkind endgültig zum Superstar. Nicht nur durch maßstab-setzende Dauerbrenner wie „The Way I Am“ mit breitbildlichem Marilyn-Manson-Cameo im Video, reduzierten Straßenhymen wie „Who Knew“ oder gar durch hochemotionale Hassliebeskummer-Dramen wie „Kim“, sondern vor allem durch einen simpel betitelten Akustik-Gitarren-Track: „Stan“ (obwohl wir den besten Take des dritten Verses nie zu hören bekamen).

Schon, dass infolge des Releases dieses scheinbar unscheinbaren Stroyteller-Songs das Wort „Stan“ als eine Art Kofferwort für „Stalking Fan“ die internationalen Schulhöfe bis heute infiltriert hat, zeigt welche Tragweite Eminem damals bereits inne hatte. Doch wie der nebulöse Weg des schmächtigen Blondschopfes mit der Quäkstimme aus dem prekären White-Trash-Stadtrand im eher glanzlosen Bundesstaat Michigan – wenn man so will, das MeckPomm von Nordamerika – genau verlief, ist vergleichsweise schlecht dokumentiert. Seine anfänglichen Lehrjahre zwischen dem Detroiter „HipHop Shop“ (der ursprüngliche Austragungsort der „8 Mile“-Battles und übrigens gegründet vom Besitzer des eher uninteressanten Streetwear-Labels Malone), das diskret behandelte ’96er Album-Debüt „Infinite“ und der Rap-Zweitliga-Aufstieg um die Buckshot-Connection, damals bedeutsame Rawkus Records-Maxis und die Teilnahmen an der Lyricist Lounge werden heute wahlweise als genial-vorausschauende Image-Kampagne aus den Köpfen der Aftermath-Strategen ausgelegt oder als glorreiche Underground-Großtaten eines echten HipHop-Heilsbringer gefeiert. Wie Eminem jetzt genau an Dr.Dre geriet und damit weltberühmt wurde, lässt sich je nach Stimmungslage unterschiedlich erzählen.

Sein, nennen wir es mal Major-Debüt, „The Slim Shady LP“ ist gerade anderthalb Jahre alt, als das Image-bestätigende „The Real Slim Shady“ als erste Single-Auskopplung des Nachfolgealbums premiert wird. Erneut wird hier jene Faustformel aus repetitiven Dre-Piano-Schunkler und fäkal-humoristischem Promi-Bashing im Karnevalskostüm aufgefahren, die auch spätere Eminem-Releases vorankündigt. „Stan“ , die dritte Single, erscheint im Jahr 2000 in einem internationalen HipHop-Umfeld, das Eminem in erster Linie als einen aufgestachelten Weirdo-Whitey mit Insane Clown Posse-Sozialisation kennengelernt hat, der möglichst vielsilbig-gereimte und wortverspielte Schocker-Storys auf simpel arrangierten Blödel-Beats zusammenträgt. Eine Herangehensweise, die später viele, überwiegend weiße Durchschnittsrapper in der afroamerikanisch geprägten Rap-Kultur fortführen (Grüße an die Smut Puddlers oder auch Necro). Call it Blaupause. In dieser Konsequenz muss sich Eminem aber auch fortwährend für seine exzessiven Amoklauf-Raps regelmäßig vor der empörten US-Medienlandschaft verantworten, die zu dieser Zeit noch tief im Columbine-Trauma steckt. Eminem galt als eine Art Prototyp-Rüpelrapper.

„Stan“ installiert eine Facette in Eminems Schaffen, die auf allen folgenden Alben eine große Bedeutung haben wird: Marshall Mathers, die Privatperson.

Die zweite Single, das beklemmende Bekennerschreiben über die neu-gewonnenen Aufmerksamkeit, „The Way I Am“ deutet bereits einen ernsteren Stimmungswechsel im Schaffen von Marshall an. Sein kreativer Outburst steht konträr zu der von ihm erwarteten Vorbildfunktion als neuer Rap-Star. „Stan“ treibt diese Vorwürfe in einem schaurigen wie geschicktem Psychodrama auf die Spitze: Der Song ist ein fiktionaler Briefwechsel von Em und einem psychisch kranken Fan, der sich mit der dramatischen Verklärung von Musikern und der Konsequenz Rap wortwörtlich zu nehmen, auseinandersetzt. „Stan“ und „The Marshall Mathers LP“ sind damit quasi eine direkte Reaktion auf das neue Leben des Shootingstars, dessen Privatleben immer mehr in die Öffentlichkeit getragen wird. Doch nicht nur durch den aufkommenden Erfolg wird Shady interessant für Klatschpresse und öffentliche Kritiker – er selbst thematisiert auf dem zweiten Aftermath-Album verletzlich und betont aggressiv seine intimsten Gedanken und Gefühle zur chaotischen Beziehungskiste mit Kim, das belastete Verhältnis zu seiner Mutter, die Liebe zu seiner Tochter Hailie und die Probleme mit dem plötzlichen Rummel um seine Person. „Stan“ installiert erzählerisch eine Facette in Eminems Schaffen, die auf allen fünf folgenden Solo-Alben eine größere Bedeutung haben wird, als sein Alter Ego Slim Shady: Marshall Mathers, die Privatperson. Der entwaffnende Mut zur Ehrlichkeit, die Flucht nach vorne in die Verletzbarkeit und die beinahe haptische Gefühlsachterbahn deuten bei „Stan“ bereits jenen Rahmen, den Eminem spätestens mit dem Folgealbum „The Eminem Show“ und der schmierigen Power-Rap-Hymne „Sing For The Moment“ oder der Familienchaos-Abrechnung „Cleaning Out My Closet“ auf Stadiongröße ausweitet.

Doch zeichnet sich „Stan“ auch noch durch zwei andere Merkmale als vielleicht bedeutendster Eminem-Song aus. Zum einen basiert der zurückhaltende Akustikgitarren-Loop auf dem seicht-käsigen Folk-Pop-Song „Thank You“ einer damals bedeutungslosen Singer-/Songwriterin namens Dido, die aus diesem unverhofften Ruhm mittlerweile mehrere Alben mit Platinauszeichnungen geschlagen hat – call it Starthilfe. Zum anderen demonstriert „Stan“, dass Marshall Mathers nicht bloß ein pöbelnder Angry Bird mit Talent zu geschmacklosen Sprachspielen vom Gesellschaftsrand ist, sondern ein sensibler Songwriter und Geschichtenerzähler. Ein Talent, das er circa zwei Jahre später auf „Loose Yourself“ perfektioniert und als Oscar-Preisträger („Lose Yourself“ ist der erste Rap-Song, der den Oscar für den besten Song gewinnt) zu etwas werden lässt, das Dieter Bohlen nie gewesen ist: ein Pop-Titan.