#backinthedays: Dynamite Deluxe – Grüne Brille

Rap aus Deutschland hat in seiner mittlerweile 35-jährigen Geschichte bisher nur eine Hand voll wirklicher Klassiker-Songs hervorgebracht. Neben ikonischen Evergreens wie „Reimemonster“, „Türlich, türlich“, „Füchse“ oder „Mein Block“ unter anderem auch: „Grüne Brille“. Ein Song, der weder durch inhaltliche Tiefe, noch bahnbrechende Produktion bestach, sondern schlichtweg den Lifestyle einer ganzen Generation auf den Punkt brachte. Ja, mit Lifestyle ist hier primär Kiffen gemeint.

Über die ersten Jahre von Dynamite Deluxe – und damit zwangsläufig auch von Samy Deluxe – zu sprechen, bedeutet auch immer, über den Zustand und das Selbstverständnis von Deutschrap in den Jahren 1997 bis 1999 nachzudenken. Gerne wird die Rapmusik ihrer Heimatstadt Hamburg heute synonym für Comedy- und Spaßrap von Fettes Brot oder Fünf Sterne Deluxe verwendet, doch stehen die ersten Releases von DJ Dynamite, Tropf und Samy Deluxe – sei es das legendäre ’97er „Demotape“ oder die Debüt-LP „Deluxe Soundsystem“ aus 2000 – für einen Paradigmenwechsel, der die gesamte HipHop-Landschaft bis heute prägt.

Dank der Vorarbeit von Advanced Chemistry und Konsorten war HipHop-Deutschland Ende der 1990er nach wie vor vor allem auf Conscious-Rap gepolt. Trotz aller Emanzipationsbemühungen mit der „Klasse von ’95“, „Genie & Wahnsinn“ oder „Bambule“ war das Bestreben eines dopen Rappers 1998 immer noch in erster Linie, subkulturell bzw. „pädagogisch“ wertvolle Inhalte zu vermitteln. Dies lag zum einen daran, dass die mittelständische Prä-Aggro-Berlin-Szene nach US-Vorbild Rap immer noch gern als „Nachrichtenmedium“ („CNN des Ghettos“) verstand. Zum anderen versprachen sich die Schland-Rapper durch diesen vermeintlich „erwachsenen“ Ansatz ganzheitliche Akzeptanz in der deutschen Pop-Kultur. In einer Zeit, als gerade mal Fanta-4-Hits medial diskutiert wurden, standen Storyteller- oder Message-Songs in jedem Fall höher im Kurs als stylefixierter Representer- oder Battle-Rap. Doch dann kam Samy Deluxe, der mit seiner hanseatischen Nuschel-Delivery arrogant und ignorant Rap über Rap in den Mittelpunkt seines Schaffens stellte: „Wie jetzt? Ihr Typen wollt rappen wie ich?“

Zudem waren die Beats von Tropf und DJ Dynamite für damalige deutsche Verhältnisse ungewohnt ruff. Woanders verstrickten sich deutsche Producer gerne noch in der stocksteifen Drumloop+Hornstep-Formel, Johnny Rewind und Tropf verbanden hingegen schnodderiges Drumplay mit lockerem Sample-Flipping und morphenden Basslines, das sich zu gleichen Teilen aus einer gemeinsamen Reggae-Sozalisation und der Vorliebe für New Yorker Straßenrap ergab. Vermutlich dürfte auch das Studio-Umfeld, platziert in einer Souterrain-WG in Hamburg-Eimsbüttel (wenig später als „Eimsbush Basement“ mystifiziert) für die gewisse Edge gesorgt haben. Vielerorts galten Dynamite Deluxe als die deutsche Version von Black Moon.

Als „Grüne Brille“ auf dem Höhepunkt des ersten Deutschrap-Hypes im Oktober 2000 erschien, gehörte Kiffen längst zum allgemeinen HipHop-Kulturgut Deutschlands – so sich hatte etwa Creme De La Cremes „Haschisch Kakerlake“ oder auch RAGs „Westwinde“ bereits als Couchtisch-taugliche Begleitmusik erwiesen. Doch erst „Grüne Brille“ brachte den Konsum des beliebtesten Genussmittels deutscher Rapper eingängig und vor allem unverblümt-unpeinlich auf einen Beat. Samys anpassungsfähige Delivery wirkte zwanglos, leichtfüßig verband er knackige Punchlines und mehrsilbige Reime in einer nie zuvor wahrgenommenen Dichte und verkörperte damit für viele die Blaupause eines coolen Rappers. Flow, Stimme, Look, Attitüde – bei Samy Deluxe kam erstmals etwas zusammen, was auch der innere Deutschrap-Zirkel bis dahin nur den Amis attestiert hatte und was man heute grob unter dem Begriff „Swag“ zusammenfassen würde. Samys herablassender Kiffer-Style war nämlich mindestens so ungezwungen und cool wie der von Method Man. In der Folge des Mainstream-Erfolgs (Entry auf Platz 4 der Albumcharts) war Sam nicht bloß für viele finaler Motivationsschub, sich selbst an Rap zu versuchen, sondern auch Musterbeispiel eines kompletten MCs. Heutige Stars wie MoTrip oder auch Marteria stehen in direkter Verbindung zu Samys und Dynamite Deluxe‘ früher Schaffensphase. In den folgenden Jahren nach dem Release von „Deluxe Soundsystem“ in 2000 sollten letztlich auch haufenweise Samy-Klone mit schnellschüssigen Deals bei halbgaren Labels dafür sorgen, dass der brodelnde Deutschrap-Hype schnell eine vorläufige Bruchlandung erfahren würde.

Heute steht „Grüne Brille“ nicht bloß symbolisch für den Startschuss einer der langlebigsten Karrieren im deutschen HipHop, sondern zugleich als Mutter aller Kiffersongs. Klar, gegen spätere Genussmittel-Hymnen wie etwa Sidos „Endlich Wochenende“ fällt der flinke Funk-Loop und der lässige Ohrwurm-Refrain von Jan Delay (damals noch gefeaturet als „Eißfeldt 65“) vergleichsweise harmlos aus. Doch um den Impact dieses Tracks erahnen zu können, kann man sich ja einfach mal vorstellen, wie Marsimotos Gesamtwerk ohne „Grüne Brille“ klingen würde. Nämlich eher nach Schall, als nach Rauch.

Samy Deluxe‘ sechstes Solo-Album „Berühmte letzte Worte“ erscheint übrigens diesen Freitag, den 29. Mai 2016 – und in unserem Interview trug er standesgemäß immer noch die grüne Brille.