#backinthedays: Die besten Rap-Compilations der 90er

Dieses Internet macht schon vieles einfacher: Will sich der geneigte Rap-Connaisseur heute über ein bestimmtes Sub-Subgenre informieren oder mehr Musik „im Stil von …“ hören, ist die darauf zugeschnittene Playlist immer nur einen Klick entfernt.

Im vermeintlich „goldenen“ Zeitalter der Rapmucke war das komplett anders: Bis in die späten 90er waren mehr oder weniger sorgsam kompilierte, nicht gemixte Zusammenstellungen von Tracks, sogenannte Sampler oder Compilations, die einzige Möglichkeit, seinen HipHop-Horizont zu erweitern – ohne Unmengen an hard-earned Taschengeld für die entsprechenden Maxis auszugeben oder sich Kassetten von informierteren Kollegen zu überspielen.

Als Konsument war man damit natürlich auf Gedeih und Verderb dem Geschmack und der Auswahl des jeweiligen Verantwortlichen ausgesetzt und stolperte immer wieder über Tracks, die man sonst niemals zu Ohren bekommen hätte. Der Kauf eines Samplers hatte damit immer einen gewissen Katze-im-Sack-Flavour: Die Chance, sein Taschengeld für eine Compilation auszugeben, die im schlimmsten Fall enorm corny, outdated oder schlicht unpassend zusammengestellt wurde, war entsprechend hoch. Wie dem auch sei: So eine Liste mit gelungenen Compilations, wie sie Eike Niemann zusammengestellt hat, wäre damals jedenfalls Gold wert gewesen.

01

The Sound Of MZEE (MZEE, 1995)

Los geht’s gleich mit einem Schwergewicht unter den deutschen Rap-Compilations: Der ehrwürdige erste Sampler des damals noch übermächtigen MZEE-Labels. Ziemlich bunte Mischung an Tracks, wobei dem Hörer schnell klar wird: Hier werden weniger der gesamte bisherige Katalog des Labels, als vielmehr die gerade aktuellen Releases und Künstler in den Fokus gestellt. Und das bedeutete anno ’95: Deutschrap von MC Rene, F.A.B. und Co. auf der einen, sowie Britcore-Rip-off von No Remorze und Quasi-TripHop von A Real Dope Thing auf der anderen Seite. Eine ziemlich merkwürdig anmutende, auf diesem Sampler jedoch gut funktionierende Kombination. Ach, und der obligatorische Track für die Breaker (Breakers Revenge 93) durfte natürlich auch nicht fehlen. Abgerundet wird die ganze Angelegenheit noch vom Mitschnitt eines „Klasse von ’95“-Konzerts in Zürich; ein Move, der damals durchaus Sinn ergeben hat: Rene, Spax, Immo und wie sie nicht alle hießen, galten deutschlandweit als begnadete Freestyler – also warum nicht einfach eine Kostprobe davon auf den Labelsampler bannen, um auch diejenigen zu überzeugen, die bisher keine Chance hatten die, ähm, „krasse Klasse“ live zu erleben?

Sidenote an der Stelle: Der Nachfolger dieses Samplers, „The Sound Of MZEE II“, ist im Grunde auch nicht verkehrt; nur hat sich die allgemeine HipHop-Ästhetik im Jahr seiner Veröffentlichung 1999 bereits so weit von der des Labels entfernt, dass es wehtat. Ach ja: Rest in power.

02

High School High – OST (Big Beat 1996)

Wow. Was für ein grandioser Soundtrack für einen grandios schlechten Film. Wobei, „High School High“ hatte seine lustigen Momente – aber genug davon: Dieser Soundtrack sportete eine unglaubliche Dichte an Spezialmaterial, von zeitlosen Tunes wie dem mächtigen „Get Down For Mine“ von Real Live über Tracks vom Wu-Tang Clan, den Lost Boyz, A Tribe Called Quest, KRS-One bis hin zu Lil Kims damals enorm vielversprechendem „Queen B*tch“ – nur certified dope Shit, sozusagen. Das Besondere an diesem Sampler/Soundtrack ist die Tatsache, dass 75% der Tracks aus dem regulären Big-Beat-Labelkatalog stammen – wohingegen die übrigen 25% interessanterweise exklusives Material darstellten, welches (fast) nur auf diesem Soundtrack zu hören war. Darunter einer der letzten ernst zu nehmenden KRS-One-Tunes, „High School Rock“, oder auch das unglaublich atmosphärische „Peace, Prosperity & Paper“ von A Tribe Called Quest.

Sehr liebevoll selektierter und stimmungsvoller Soundtrack zu einem ansonsten vergessenswerten Film. Who woulda thunk it?

03

V/A – Tru Criminal Records EP (Tru Criminal 1997)

Zugegeben: Dieser Labelsampler gehört nur bedingt auf die Liste, handelt es sich doch um eine lediglich fünf Tracks starke EP eines – für die meisten unter euch – nicht weiter nennens- und merkenswerten New Yorker Untergrundlabels. Und doch qualifiziert er sich aus verschiedenen Gründen:

Die Künstler auf des Labels sind allesamt sehr, sehr fähige Rapper, allen voran F.T. mit seiner Reibeisen-Stimme. Aber auch die God Sunz und AK Skillz stehen ihm in Sachen, äh, Skills in nix nach. Wirklich interessant an der kleinen Auswahl ist jedoch, dass sowohl Label als auch Künstler symptomatisch für das Dilemma des New Yorker Raps der späten 90er stehen: Kurz vor der Jahrtausendwende hatte der Boombap-Sound endgültig ausgedient, und so standen viele ambitionierte Rap-Talente vor der alles entscheidenden Frage, ob sie auf einen eher cluborientierten Jiggy-Sound umsatteln – oder sich diesem Trend stur verweigern. Street Smartz und Co. haben sich für Letzteres entschieden, und so liest sich die Produzentenliste dieser EP wie ein Who’s Who der gar nicht mehr so gefragten Superproducer von damals. Auch die Features von O.C. und Pharoahe Monch lesen sich wie ein Mittelfinger an den damaligen Zeitgeist.

Historisch betrachtet ist der Sampler ein interessantes Puzzlestück im undurchsichtigen Rap-Dschungel der späten 90er – aber auch musikalisch wird dem geneigten Rumpelsound-Connaisseur hier einiges geboten: „Don’t trust anyone“ und vor allem „Metal Thangz“ können heute als Untergrund-Klassiker bezeichnet werden. Warum sich auf dem Sampler allerdings einige „Clean“-Versionen der Tracks befinden? Weiß der Geier. Fuc that.

04

Hip Hop Classics Vol 1 & 2 (Priority Records 1996)

Zeit für ein mittelschweres coming out: Diese Sampler-Reihe hat mir die Welt von N.W.A. näher gebracht. Ja, die Sampler kamen erst ’96 raus. Ja, zu der Zeit habe ich sie auch ungefähr gekauft. Nun müsste man noch mein Alter als Referenzwert haben, um daraus Rückschlüsse über meine Hip Hop Sozialisation zu ziehen, aber sagen wir einfach: Ich war ein Spätzünder, pause.

Sowieso hat mich damals am meisten das Cover beeindruckt. Da es das Internet praktisch noch nicht gab, war man längst noch nicht übersättigt was visualisierte, dümmlich-symbolische hip hop Klischees anging. Im Gegenteil: Wow fand ich den dude auf dem Cover cool. Die Klamontten, die Dose, die Platten – all das wollte ich auch haben.

Aber mal Faxen bei Seite: Diese beiden unscheinbaren Sampler waren inhaltlich wirklich on point. „Hip Hop Classics“ – no shit, hier war wirklich drin was drauf stand: Nur back 2 back Klassiker. 10 Punkte mit Ansage. Ostküsten-Evergreens wie „Top billin“ oder „Eric B. Is president“ stehen hier direkt neben Hymnen wie „F*ck the police“ oder Too $horts Player-Manifest „Freaky tales“. Und das ist etwas, was viele andere compilations vermissen lassen: Da sind dann 50% tatsächliche Klassiker und 50% Füllmaterial drauf, welches entweder günstig zu bekommen war oder kurzweiligen Erfolg in den Charts hatte. Die verantwortlichen Selektoren von „Hip Hop Classics“ hatten jedenfalls die Weitsicht, vergängliche hypes von Meilensteinen des Genres zu unterscheiden. Nuff respect dafür.

05

Rapman – 12 Original Hits (Sony 1993)

Die, ähem, „legendäre“ „Rapman – 12 Original Hits“-Compilation. Verstaubt und vergilbt lag sie da in einem random CD-Geschäft, ungeliebt und missachtet von den Kunden. Liebloses Cover, einfallsloser Name, outdated, im Grunde ein klassischer Ladenhüter. If it wasn’t for that Nice-Price-Sticker – ich hätte mir diesen Sampler vermutlich nie angehört. Und bis heute frage ich mich: Wer zur Hölle hat diese Tracklist nach welchen verfluchten Kriterien wie zusammengestellt?! Wurde das ausgewürfelt?

Gemeinsamer Nenner ist, dass alle Tracks aus den Jahren ’91-’92 stammen. Was wiederum bedeutet, dass sie im Jahr der Veröffentlichung des Samplers schon enorm an Aktualität eingebüßt haben müssen. Die rätselhaft-merkwürdige Trackauswahl des Samplers lässt diesen wie das Gegenstück zu den anderen Samplern dieser Liste erscheinen: Randomness statt sorgfältiger Selection, versuchter/missglückter Gegenwartsbezug statt Klassiker-Zusammenstellung.

Und doch fasziniert mich dieser kleine, nur zwölf Tracks starke Sampler bis heute. Vielleicht liegt es daran, dass er so viele verschiedene Lager und Subgenres aufgreift und repräsentiert: Vom härtesten Polit-Agitations-Rap des erweiterten Bomb Squad/PE-Umfelds über den damals überall gern gesehenen Serch und seine 3rd Bass-Kollegen oder die Jam Master Jays Weedcarrier-Crew The Afros bis hin zur gerade erstarkenden Next School via Redman in“Hardcore“ oder Ice-Ts Rhyme Syndicate in Form von Rap-Urgestein Donald-D. Rap wird hier – möglicherweise unbewusst – von seiner kuriosen Seite, seinen Grenzen her ausgelotet. Und das im positivsten Sinne.

06

Mo‘ Beats – Hip Hop Quarterly (EastWest 1993-1996)

Kommen wir zu einer ziemlich unter dem Radar gelaufenen Sampler-Reihe aus Deutschland. Die erste Ausgabe der „Mo‘ Beats“-Reihe stammt aus dem Jahr 1992 und hatte folgenden Anspruch: Wie der Untertitel bereits andeutet, sollten hier die jeweils topaktuellen HipHop-Banger kompiliert werden. Doch damit nicht genug – die Reihe hatte das besondere Gimmick, dass die meisten der dargebotenen Tracks Remixes waren.

Ein gutes, weil individuelles Konzept, insbesondere, um sich von anderen Samplern abzuheben. Für den geneigten Musikliebhaber ideal, welcher so in den Genuss kommt, die bereits aus Clubs oder Radio bekannten Titel im Remix-Gewand zu hören, ohne gleich die entsprechende Maxi coppen zu müssen. Außerdem ist das Sichten von guten Remixes im HipHop seit je her eine wichtige Disziplin: Wie viele Gassenhauer etwa kennt man heutzutage kaum noch im Original, dafür aber im x-mal cooleren Remix? Eben.

Im durchaus gut geschriebenen Booklet erfährt der Konsument außerdem, warum welcher Track in welchem Remix auf dem Sampler gelandet ist, und was für einen Impact die Songs auf die Szene hatten. Dass die „Mo‘ Beats“-Samplerreihe dabei sehr nah am Puls der Zeit/Szene agierte, wird deutlicher, wenn man die einzelnen Ausgaben vergleicht: Der 5. Teil sportet etwa einen klaren G-Funk-Einfluss, der damals vermutlich einfach nicht zu umgehen war. Selbst der Das-EFX-Necksnapper „Bakknaffek“ kommt hier im smoothed-out G-Funk-Mix daher, und Kollegen wie 2Pac, MC Eiht und Dr. Dre dürfen natürlich auch nicht fehlen. Interessanterweise ist dieser Westcoast-Sound auf der Ausgabe des Jahres ’93 noch kaum bis gar nicht zu erkennen. Da geben sich noch Raggamuffin-Crossover-artists die Klinke in die Hand. Sehr zu empfehlende Serie, nicht nur für Musikwissenschaftler und Rap-Nerds.

07

Bring Da Ruckus – A Loud Story (Loud 1996)

Das kleine aber feine Loud-Label, zumindest zeitweise Labelheimat vor allem vom Wu-Tang Clan, Mobb Deep und Pete Rock – versucht, auf nur einer CD eine kleine (Erfolgs-)Geschichte seines bisherigen Labeldaseins zu zeichnen – und kann dabei durchaus überzeugen.

Das wirklich Grandiose an diesem Sampler ist, dass er die Leute da abholt, wo sie abgeholt werden müssen/wollen, und zwar von Beginn an: Das „Bring da Ruckus“-Intro vom Clan klärt das Setting und die Atmosphäre – Aggressivitätslevel: thru tha roof. „36 Chambers“ wird als hinlänglich bekannt vorausgesetzt und dient praktisch als musikalische Grundierung für die hier vorgestellten Sounds. Dann der „Rainy Dayz“Remix von Raekwon; rumpelnd-aggressive Klänge wechseln sich mit melancholischen ’96-Style-Mobb-Deep-Brechern wie „Drop A Gem On Em“ ab. Selbst die ansonsten schnell albern wirkenden Alkaholiks fügen sich super in die sehr stimmungsvolle Selection ein.

Ein ganz besonders großes Plus ist die Tatsache, dass hier nicht nur die Big Names des Labels aufgefahren, sondern auch mal was gewagt wurde: Der „Reality“-Remix von Attica Blues ist ein sowas von schaurig schöner Rohdiamant, der perfekt zwischen Xzibits auch damals schon hinlänglich bekanntem „Paparazzi“ und Raekwons ebenso dramatischen „Glaciers of Ice“ platziert wurde. Passender kann man eine nicht-gemixte Trackauswahl auf einem Labelsampler nicht gestalten, wenn man mich fragt. Aww yeah, again and again!

08

Rap Attack! (3 CD Set) (Disky 1995)

Auf, nun ja, Platz 1 dieser illustren Liste haben wir eine äußerst billig wirkende Compilation, die nicht nur mit geschmacklosem Design und jeder Menge Schreibfehlern aufwartet, sondern auch noch von einer dubiosen, semi-legalen niederländischen Firma zusammengebootleggt wurde. Ein genauerer Blick auf die Tracklist verrät: Das hier ist eine ziemlich ambitionierte Sammlung von Rap-Classics, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von jemandem kompiliert wurde, der seinen HipHop kennt.

Auf den CDs sind jeweils nur zehn Tracks, aber die Zusammenstellung gibt dennoch einen wunderbaren Überblick über alles was Rang und Namen hat/hatte innerhalb der HipHop-Szene. So finden sich Tunes wie etwa „Dunk The Funk“ der Fila Fresh Crew oder Eazy-Es „Boyz N Tha Hood“ genauso auf dem Sampler wie ganz frühe Rapklassiker à la „Spoonin Rap“ oder sogar „Rap-O Clap-O“. Native Tongues, MC Hammer (!), Fu-Schnickens – alles dabei. Interessant ist, dass hier häufig eben nicht die großen Hits, sondern vielmehr diejenigen Tracks, die unter Kennern gefragt sind/waren, auftauchen: So hören wir etwa „I Left My Wallet In El Segundo“ nicht im Original, sondern im Vampire-Remix, oder bekommen von Ice-T den vergleichsweise unbekannten Disstrack gegen LL Cool J „Dog ’n The Wax“ zu hören.

Der dahingeschludert wirkende Sampler entpuppt sich letztlich als sehr liebevoll zusammengestelltes Produkt von Kennern für Kenner. Needless to say, dass mir das alles andere als klar war, als ich die CD-Box damals aus ihrem Grabbeltisch-Dasein erlöst habe. Ich wage heute zu behaupten: Kombiniert man die Selection dieser Box mit den beiden „Hip Hop Classics“-Samplern erhält man einen gut sortierten und ausgewählten Überblick über fast alle relevanten Rap-Gruppen und -Spielarten der frühen 80er bis Mitte der 90er.