#backinthedays: 2Pac feat. Dr. Dre – California Love (1995)

Ein gefährlich eingängiges Sample aus einem Joe-Cocker-Song, eine noch eingängigere Talkbox-Hookline, schnurrende G-Funk-Synthies und zwei der prominentesten Rapper ihrer Ära auf dem vorläufigen Höhepunkt ihres Schaffens – „California Love“ konnte gar nichts anderes werden, als ein Megahit. Als am 28. Dezember 1995 diese Funk-Hymne auf die Welt losgelassen wurde, stand schnell fest, dass 2Pac einer der größten Rapper der 1990er Jahre sein würde. Eineinhalb Jahre später war er tot.

Doch ursprünglich war „California Love“ eigentlich gar nicht als 2Pacs Comeback nach seinem Knastaufenthalt geplant, sondern als Dr. Dres erste Single für das damals noch in der Planungsphase befindliche Label Aftermath. Auf dem Höhepunkt der Eastcoast/Westcoast-Fehde näherte sich 1996 auch spürbar das Ende der Death-Row-Ära und Dre begann, sich neu zu orientieren. Seine musikalische Handschrift vom ikonischen „The Chronic“ war bereits vier Jahre alt und sowohl in der näheren Umgebung zwischen Bay Area und dem Großraum L.A., als auch in südstaatlichen Gefilden hatte sich sein Ansatz aus slicken Soul-Loops und grellen Funk-Synthies als Blaupause für Gangsta-Rap verbreitet – ja, selbst ein New Yorker namens Masta Ace bediente sich etwa mit „Born To Roll (Jeep Ass Niguh Remix)“ bei Dres Ästhetik. Eine Weiterentwicklung war quasi unumgänglich.

Gleichzeitig hatte 2Pac sich aus dem Schatten seiner Ziehväter von Digital Underground endgültig gelöst und mit dem Ende 1994 erschienen, vierten Album „Thug Life: Volume 1“ auch endlich ein Alleinstellungsmerkmal gefunden. Waren die Vorgängeralben „2Pacalypse Now“ und „Strictly 4 My N.I.G.G.A.Z…“ noch sehr stark von der verspielten Delivery, geschicktem Lyrcism und vor allem dem politischem Bewusstsein der klassischen Eastcoast-MC-Schule geprägt, integrierte der Sohn einer Black-Panther-Aktivistin zunehmend die schillernde Bösewicht-Welt der Gang-Kultur von L.A. Mit dem Crew-Album „Thug Life: Volume 1“ wurde 2Pac endgültig zu jenem poetischen Vorzeige-Thug, den die Kendricks, die Fiftys und die Eminems dieser Welt auch heute noch rezitieren.

Doch dass 2Pac letzlich auf „California Love“ landete, war laut verschiedener Quellen reiner Zufall: Dre tüftelte seit einiger Zeit an diesem Joe Cocker-Flip herum, ließ die Bläser neu einspielen und Keyboard-Parts arrangieren. Auf einer von Dres (auch im Film „Straight Outta Compton“ gezeigten) Poolpartys schneite der frisch aus dem Knast entlassene Pac zufällig herein, feierte den Beat, nahm direkt einen Part im Homestudio auf und circa eine Woche später, nach etwas „Überredungskunst“ von Geschäftspartner und Death-Row-Chef Suge Knight, stand fest: „California Love“ ist 2Pacs Single. Am Wochenende nach dem Recording drehte Star-Regisseur Hype Williams das heute legendäre Video in dystopischer Mad-Max-Kulisse mit „The Warriors“-Zitat. Der Hype konnte kaum größer sein.

Der Aufstieg von N.W.A. und deren Gangsta-Rap von der Westküste hatte die einstige Dominanz der New Yorker Szene zu dieser Zeit bereits stark gedämpft und einigen Unmut freigelegt. G-Funk war der HipHop-Sound der Stunde, was zum Beispiel auch in Deutschland dazu führte, dass die eigentlich auf New York fixierte HipHop-TV-Show „Freestyle“ zwangsweise Videos von der Westcoast spielen musste – schlichtweg, weil amerikanische Labels in dem swingenden, leichtbekleideten Hedo-Rap-Sound mehr kommerzielles Potenzial sahen, als im beinharten Beton-Rap aus NYC. Rap aus Los Angeles schien vermarktbarer und bekam konsequenterweise auch mehr Videos auf Rotation. Die Mutterstadt reagierte entsprechend ungnädig, was sich schon seit Anfang der 1990er unter anderem durch Tim Dogs Diss-Song-Missverständnis „Fuck Compton“ geäußert hatte.

1996 spitzte sich diese Missgunst auf zwei Labels zu: Death Row Records aus Los Angeles und Bad Boy Records aus New York. So war 2Pac nicht zuletzt durch die brenzligen Übergriffe in den Quad Studios im ausklingenden Jahr 1993 bereits zu einer Art Abziehbild von Westcoast-Rap aufgestiegen. Aufgrund eines Gerichtverfahrens wegen einer Vergewaltigung (für die er später inhaftiert wurde) hatte sich 2Pac in New York aufgehalten, wo er in besagten Studios (in denen auch die Bad-Boy-Entourage zu dieser Zeit aufnahm) überfallen und angeschossen worden war. Wie durch ein Wunder überlebte 2Pac den Angriff und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert. Der Urteilsverkündung einen Tag später wohnte er im Rollstuhl bei. Dem Image des unbeugsamen Straßenkriegers, das Pac später gerne vor sich hertrug, kam dieser Umstand nicht unbedingt ungelegen: „It’s me against the world, baby.“

Angestachelt durch die ohnehin entzündliche Situation aus undurchsichtiger Beweislage und dem immer weiter wachsenden Death Row/Bad Boy-Zwist, wurde 2Pac über Nacht zum Helden. Nelson George beschreibt Pacs Auftritte und die öffentliche Wahrnehmung in seinem Buch „XXX – Drei Jahrzehnte HipHop“ als eine Mischung aus „dem Eifer eines politischen Aktivisten und dem dramaturgischen Gespür eines Schauspielers“. Der Sympathieträger 2Pac war nun eine Ikone. In einem legendären Interview mit dem renommierten HipHop-Magazin „Vibe“ beschuldigte 2Pac nach seiner Haftentlassung auch tatsächlich das Umfeld von Puff Daddy und Biggie als die mutmaßlichen Drahtzieher hinter den Übergriffen – was wohl als der letzte Sargnagel für eine friedliche Lösung dieses Beefs gewesen ist.

„California Love“ ist 2Pacs sowohl musikalische, als auch mentale Abkehr von der Eastcoast, was schon der symbolische Titel deutlich macht. Als gebürtiger New Yorker hatte Shakur zwar schon seine Teenager-Zeit nicht mehr im Big Apple, sondern an der Pazifikküste verbracht, unterhielt allerdings bis zu diesem Zeitpunkt noch viele Kontakte in der Stadt: Biggie-Producer Easy Mo Bee produzierte seine ersten drei Alben mit, Treach von Naughty By Nature galt als sein Freund, mit dem Duck-Down-Umfeld aus Buckshot, Dru Ha und Smif-N-Wessun soll sogar ein Kollabo-Album geplant gewesen sein. Doch beim Release von „California Love“ waren diese Umstände allerdings längst sekundär. Statt mit seinen alten Weggefährten Shock G oder Easy Mo Bee, hing 2Pac nur noch mit dem Death-Row-Camp rum. Es existiert kaum ein Interview, in dem 2Pac nicht inbrünstig seine Zugehörigkeit zur Westküste betonte. Er war nicht mehr zugezogen (maskulin), er verstand sich als Rapper aus Los Angeles. Was wohl auch damit zusammenhing, dass Death-Row-Chef Suge Knight ihn kurz zuvor gegen eine Kaution aus besagter Haft freikaufen konnte und 2Pac damit offiziell für Death Row rekrutierte. Auch das Remix-Video mit zahlreichen Cameos von Westcoast-Helden wie u.a. E-40, B-Legit oder DJ Quik war ein klares Bekenntnis zum Sunshine-State.

Das Album „All Eyez On Me“, zu welchem „California Love“ die erste Single-Auskopplung ist, war auch Pacs einflussreichstes und kommerziell erfolgreichstes Werk: So bescherte es Pac seinen ersten Nummer-1-Hit in den USA. Es ist ohne Zweifel auch der Zenit seiner Karriere. In Deutschland klettert die G-Funk-Hymne bis in die Top-10; wohlgemerkt zu einer Zeit, als sich zahlreiche Dancefloor- und Trance-Acts auf den vorderen Rängen schländlicher Hitlisten tummeln. „California Love“ stellte den bis dato eher andächtigen Street-Poeten 2Pac, der sich eher um die Rolle der Frau in der Gesellschaft und soziale Ungerechtigkeit Gedanken machte, erstmals in einen zugänglichen Pop-Kontext: Drogen, Sex, Palmen, Sonne – die klassische Themenpalette herkömmlicher Gangster-Rapper, kombiniert mit einer Prise Lokalpatriotismus. Statt die Missstände seines „sozialen Brennpunktes“ anzuprangern oder auf die täglichen Gefahren wie Gang-Gewalt und Drogen aufmerksam zu machen, wurde hier das gefährlich-süße Leben ausreichend glorifiziert und bejubelt. Ein Rezept, das später unter anderem auch von „Nolia Clap“ und im gewissen Sinne auch „Mein Block“ aufgegriffen wurde und im Prinzip als Mutter aller Straßen-Hymnen durchgeht. 2Pac wäre gestern 45 Jahre alt geworden. Rest in Power.