„Auch Gangster heulen mal.“ – Asadjohn über „Fler Type“-Beats, Usbekistan und Haiyti

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Asadjohn zählt zweifellos zu den prägenden Architekten der neuen Deutschrap-Generation. Als er vor zwei Jahren mit Cosmo-Gang-Affiliate Albert Parisien den kleineren Internet-Hit „Durch die Straßen“ sowie die dazugehörige „Future Lean„-EP in den brodelnden Underground warf, deutete sich bereits ein Paradigmenwechsel an: Asadjohns Mixtur aus poppigem Synthie-Charme und tieftönigen Distortion-Drums präsentierte sich in unwiderstehlicher Leichtfüßigkeit, die man heute unter dem Begriff „Swag“ zusammenfassen würde. Das zog schnell Beat- und Feature-Anfragen aus allen Himmelsrichtungen nach sich. Neben seinem bisher prestigeträchtigsten Release, Haiytis Durchbruchs-Mixtape „City Tarif“ aus 2016, übernahm er auch die musikalische Leitung für Juicy Gay – nicht zuletzt auf dessen gerade erschienenen Debütalbum „Hallo, wie geht’s?“. Der Hype ist real. Ein Gespräch über „The Dome“, Crate Diggen in Usbekistan und „Cro Type“-Beats.

Dein erster Facebook-Eintrag ist vom 8. Februar 2012. Woran denkst du, wenn du dieses Bild siehst?

(lacht) Nice! Ach, das ist schon fünf Jahre her?! Damals hatten wir mit Chari Crack und Ronson ein Schulprojekt gemacht. Ein Typ von der Schülerzeitung hatte die Idee, in der Zeitung eine Musikserie über Schüler zu machen und brachte mich und Chari dafür mit Ronson und Murat zusammen. Wir haben dann eine CD aufgenommen, die als Beilage in der Schülerzeitung gedacht war – 300 Ausgaben, 300 CDs. Wir alle fanden das geil und haben das dann gemacht. Damals dachten wir echt: „Wow, jetzt werden wir Stars!“ Wir haben das auch noch mit so einem Billigmikrofon auf einem uralten Laptop aufgenommen – aber trotzdem schon einen Gitarristen eingeladen. Das war alles sehr Low-Budget produziert. Wir haben uns natürlich trotzdem voll drauf gefeiert. (lacht) Die Jungs waren damals total auf dem Casper-Film und wollten dann auch so ein Hipster-Zeug mit ähnlichen Samples machen – ich wollte aber mehr Dirty South und in so eine Ace-Hood-Richtung gehen. Das haben die aber wiederum nicht gefühlt – also ist es am Ende eben das geworden, was es geworden ist. Schon ein Jahr später haben wir alle uns beim Hören an den Kopf gefasst und gedacht: „Oh, Mann, was ist das für eine Scheiße?“ (grinst) Danach kam noch „Fundament“ und die Jungs haben ein Boom-Bap-Release gemacht. Wir sind alle so ein bisschen herumgedümpelt.

Das Equipment ist auf dem Bild ja noch sehr überschaubar: Welches Set-Up hast du mittlerweile zum Produzieren?

Eigentlich ist es immer noch genauso – bis auf die Boxen. Ich habe mir die Yamaha HS5 geholt, die 10er waren mir dann doch zu groß. Da bräuchte man auch noch einen Subwoofer, heißt es. Aber für mich reicht das auch so. Für mich war von Anfang an klar, dass ich mir entweder die KRK oder eben die Yamaha hole. Dann habe ich ein paar Reviews im Internet gelesen und mir mehr oder weniger auf spontan die Yamahas gekauft – auf meinem Level macht es auch keinen Sinn, die großen Investitionen anzugehen. Ich mastere ja nicht. Ich bin auch super zufrieden mit denen. Wenn ich die Sachen ins Master gebe, kommen sie genauso zurück, wie ich es gehört habe – nur eben lauter. Ansonsten hat sich nichts geändert, mein Midi-Keyboard ist jetzt etwas kleiner und ich habe kein Mikrofon mehr – es steht ja eines im Studio, was ich mir mit Hugo Nameless und Burak teile. Ach, und die Mütze im Bild habe ich leider verloren. (lacht) Ich wäre auch voll gerne etwas krasser in dem Equipment-Thema drin, mir fehlt nur einfach das Geld dazu. Wenn mir jemand Sponsoring anbietet, gerne! (lacht) Mein nächstes Ziel ist aber erstmal ein größeres Interface – am Liebsten ein Apollo Twin von Universal Audio, denn momentan arbeite ich noch mit dem Focusrite Scarlett 2i2. Aber was brauchst du denn auch, um Beats zu machen? Für Zuhause reicht mir das schon. Was Software angeht, habe ich mir die Waves und Fab Filter zum Beispiel zugelegt. Klar, ich habe auch die Standards wie Nexus oder Massive. Aber wenn ich mir Synths hole, habe ich schon den Anspruch eigen zu sein. Da ist es ja auch so, dass du tief diggen musst, um die zu haben, die kein anderer hat. Ich gucke dann auf russischen Seiten und ziehe mir da Preset-Pakete aus dritter Hand, die wahrscheinlich nicht so viele haben. Manchmal verändere ich daran noch etwas, aber oft auch nicht. Ich bin kein Sounddesigner – ich kann vielleicht einen Subbass machen. Manchmal nehme ich Samples, verfremde sie komplett und spiele noch einen Synthie drüber. MikeWillMadeIt hat in einem Interview mal gesagt: „Der Schlüssel ist die Kombination aus verschiedenen Sounds.“ Bei Snares legt er dann drei, vier verschiedene Snare-Drums aufeinander, bearbeitet das Signal in einem EQ und hat am Ende einen komplett eigenen Snare-Sound (sog. „Layering“; Anm. d. Verf.). Das macht er auch bei Synthies, meinte er – so hast du halt zwei Standard-Sounds, aber in Kombination eben doch etwas eigenes kreiert.

Auf dem Bild ist zu sehen, dass du mit Fruity Loops arbeitest. Das Programm hat lange einen schlechten Ruf gehabt – hattest du mit Vorurteilen zu kämpfen?

Ich arbeite immer noch mit FL Studio. Zwischenzeitlich hatte ich auch mal Reason, aber als der Laptop auf dem Bild kaputt ging, hatte ich die Software auch nicht mehr. Das war mir dann aber auch egal, ich habe mich dann in Fruity Loops reingefuchst – Boi-1da, MikeWillMadeIt oder Clams Casino arbeiten ja auch mit FL, das hat mir dann auch nochmal richtig Motivation gegeben hat. Bei FL muss man ja immer gegen die Lästereien ankämpfen – selbst Leute, die nicht aus dem HipHop kommen, aber auch produzieren, rümpfen darüber die Nase und sagen, dass es das Programm der Bedroom-Producer sei und so tun, als wäre das etwas Minderwertiges. Selbst wenn sie nicht so gut sind. Aber was soll ich sagen? Die haben ja Recht, ich mache das ja Zuhause. (Gelächter) Die sind doch aber nicht besser, nur weil sie ein anderes Programm haben. Für professionelles Mixing gebe ich die Sachen aber ab, das ist bei FL Studio nach wie vor schwierig.

Wie bist du eigentlich zum Beatmaking gekommen?

Ich habe mit 13, 14 Jahren ein bisschen gerappt, so während der Aggro-Berlin-Hochphase. Als ich wenig später nach Usbekistan gezogen bin, hatte ich aber kein Internet und somit auch keine Instrumentals. Ich bin dann immer auf den Basar gegangen und habe mir dort CDs gekauft. Das waren Rap-Compilations von den aktuellen Hits. Aus diesen Songs habe ich mir mit Magix Video Deluxe in der Demoversion dann eigene Instrumental-Loops aus den auslaufenden Tracks zusammengeschnitten. Ich habe irgendwann festgestellt, dass sich die Musik die ganze Zeit nur wiederholt, daraufhin habe ich das dann nachgebaut – so hatte ich Beats, die ich berappen konnte. Allerdings musste ich das auch selbst hintereinander legen, weil das Programm keine automatische Loop-Funktion hatte. Auf diese Weise habe ich aber gelernt, mit Audio-Files zu arbeiten. Ich hatte kein Tutorial, ich habe mir das alles mittels Learning-by-Doing beigebracht. Meine Raps habe ich dann auf diesen Beats über das Laptop-Mikrofon aufgenommen – anfangs auch noch ohne Kopfhörer, sodass der Beat und meine Stimme recorded wurden. (lacht) Irgendwann meinte mein Cousin, dass er Regisseur werden will und weil er wusste, dass ich ein bisschen Musik mache, bat er mich, für ihn Filmmusik zu komponieren. Er riet mir dann zu Fruity Loops, besaß es aber selbst nicht und kannte auch niemanden, der es hatte. Ich bin dann wieder zum Basar, aber auch dort konnte mir niemand helfen. Von irgendwoher bekam ich dann Fruity Loops 5, aber der Crack hat nicht funktioniert, wodurch ich wieder nur eine Demo-Version ohne Speicher-Option hatte. Ich habe die Sachen also immer direkt ausgespielt und bei Audacity wieder per Hand arrangiert: ein Loop mit Hi-Hat, ein Loop ohne Hi-Hat, ein Loop mit Kick, aber ohne Hi-Hat und so weiter. So richtig kleinschrittig – ich hatte ja auch massig Zeit in Usbekistan, ich hatte ja sonst nichts zu tun. (lacht) 2006 bin ich zurück nach Deutschland gekommen und hatte dann endlich wieder fließend Internet. Ab dann ging es los: Ich habe mir massig Tutorials reingezogen, damals gab es zum Beispiel noch warbeats.com – der Typ war echt gut. Darüber habe ich die Basics von FL gelernt, auf die ich auch heute noch zurückgreife. Damit habe ich mich auch lange zufrieden gegeben. Aber wenn ich heute zum Beispiel bei KitschKrieg im Studio bin, schaue ich denen einfach über die Schulter. Ich mag ihren Sound sehr gern, also frage ich, wie sie bestimmte Dinge umsetzen und Fiji Kris zeigt mir dann auch ein paar Tricks.. Ich schaue keine Tutorials mehr, sondern tausche mich eher mit anderen Leuten aus. Wenn du cool genug mit den Leuten bist, verraten sie dir auch ihre Geheimnisse. (grinst)

Ich habe gesehen, dass du früher viel auf YouTube hochgeladen hast und deine Instrumentals mit „Cro Type Beat“ oder „Fler Type Beat“ beschriftet hast.

(lacht laut) Ich habe das echt nur so beschriftet, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen. Zu dieser Zeit habe ich viel mit Halbnormal gemacht. Ich kannte einfach keine anderen Rapper, aber wollte unbedingt für Fler produzieren, deshalb habe ich das so beschriftet. Ich habe mir bei seinen Sachen einfach oft gedacht, dass das zwar gut ist, aber ich das genauso hinbekomme. Ich habe parallel auch viel in Foren hochgeladen, damit die Leute davon etwas mitbekommen. „Cro Type Beat“ hatte irgendwann die 20.000 Klicks erreicht, was für mich einfach eine geile Marke war. Aber daraus hat sich nichts ergeben, außer ein paar kleine Rapper, die darauf Songs gemacht haben. Ich weiß noch, dass mich Caz angeschrieben hatte und wollte, dass ich noch mehr in diese Richtung mache. Aber an mehr kann ich mich nicht erinnern.

An welchen Producern hast du dich denn anfangs orientiert?

Timbaland! Ich habe so viele Beats, die irgendwas mit „Timbo“ heißen. Der hat das Drum-Programming einfach perfektioniert in meinen Augen. Ich finde „Shock Value“ und „Shock Value 2“ sind mit seine besten Releases, denn er hat seinen HipHop-Sound einfach zu Pop gemacht. Das ist eigentlich auch ein kleines Ziel von mir. Seine Sachen waren ja eigentlich eher unzugänglich, aber bei den Alben von Nelly Furtado und Justin Timberlake hat er diesen Ansatz einfach extrem krass ausformuliert und massentauglich gemacht. Swizz Beatz ist auch jemand, den ich krass feiere – der ist ja auch sehr eigen, was die Drums angeht. Da geht es aber gar nicht um die Sounds an sich, sondern um den Groove. Timbaland, Swizz und später aber auch Pharrell, also die Neptunes, sind meine größten Orientierungspunkte. Wenn du dir zum Beispiel ein Future-Album heute anhörst, ähneln sich viele Drum-Lines auf den verschiedenen Tracks sehr stark. Das haben die Neptunes oder Timbo anders gemacht – die haben auch innerhalb eines Albums immer auf Variation geachtet, jeder Song hatte einen anderen Groove. Das ist mir auch sehr wichtig. Ich finde auch, dass ein Gangster-Track durchaus poppig sein darf. Man ist ja nicht 24 Stunden am Tag nur grimmig drauf, also muss man auch nicht immer nur grimmige Musik machen, nur weil man Gangster ist. Swizz Beatz hat ja auch DMX produziert und hatte gleichzeitig Radiohits. Ich finde, das ergänzt sich sogar. So jemand wie KDM Shey sieht aus wie ein G, wahrscheinlich ist er es auch, aber dann macht er voll die Liebeslieder. Ich glaube, auch Gangster heulen manchmal.

Wenn man Fruity Loops benutzt, muss man immer gegen die Lästereien ankämpfen.

Asadjohn

Wenn man dich googelt, findet man unter den ersten Einträgen, einen Verweis auf die Seite der Berg Money Gang. Die meisten werden dich allerdings über deine Kollabos mit Haiyti kennen. Wie ordnet man dich musikalisch ein, wenn es nach dir ginge?

Eigentlich bin ich ein Einzelgänger, was das Produzieren angeht. Ich feiere aber alle, mit denen ich assoziiert werde: BMG, Young Krillin, Haiyti und natürlich Albert Parisien, der mich eigentlich erst so richtig reingeholt hat. Ich habe die Cosmo Gang damals gefeiert und Albert einfach angeschrieben, ob er Bock hat, mit mir Musik zu machen. Auf seinem ersten Album „Coolness“ habe ich dann auch einen Beat platziert, der auch von Modee und Johny Space berappt wurde. Wir haben uns dann auch kennengelernt, haben stundenlang telefoniert und uns besucht und so weiter. Aus dieser Connection ist zum Beispiel „Alle meine Haare sind wavy“, die ganzen EPs oder auch „Durch die Straßen“ entstanden. Albert ist einfach ein Seelenverwandter von mir.

Wo ist dir HipHop eigentlich das erste Mal begegnet?

Das muss in der sechsten Klasse gewesen sein. Ich hatte ein Kumpel namens Adjey, der mir schon ein bisschen Ami-Rap gezeigt hatte. Das waren 50 Cent und solche Sachen, wo ich die Musik zwar dope fand, aber die Texte nicht verstanden habe. Es war halt einfach Musik. Kurz bevor ich nach Usbekistan gezogen bin, hat mir aber ein Klassenkamerad Kopfhörer aufgesetzt und meinte: „Hör mal!“ Das war er mir da vorspielte, war auch Rap – aber deutschsprachig. Das fand ich krass. Es war übrigens „Flerräter“ von Eko und Bushido. Zwar haben die Typen auf dem Song für mein Gehör damals sehr schnell gesprochen, sodass ich nicht alles auf Anhieb verstand, aber das hat mich eher noch angespornt, genauer hinzuhören. Von da an, habe ich mir auf eigene Faust Sachen gesucht: die Aggro-Ansagen, die ganzen Disstracks aus dem Savas-Eko-Beef und so weiter. Ein Kumpel hat mir vor meinem Abflug noch eine CD zusammengebrannt mit verschiedenen Alben: das „One“-Album, die „Ansage 4“ und ein paar Bushido-Songs. Tatsächlich habe ich in meiner Usbekistan-Zeit auch fast nur diese CD gehört. Wir hatten aber auch ein bisschen deutsches Fernsehen drüben. Neuere Tracks aus Deutschland habe ich bei RTL 2 „The Dome“ hören können und manchmal auf Kassette aufgenommen. Wir bekamen aber kein Viva oder deutsches MTV rein, sondern nur MTV France. Ich habe also nur das gehört, was dort lief: amerikanischer und französischer Rap. Über Satellit haben wir aber auch einen Rap-Sender namens ZIK empfangen. Die waren geil! Da lief tagsüber fast nur Underground-Shit aus Frankreich wie La Fouine oder Ol Kainry und nachts wurden da unzensierte Pornos gezeigt – das war eigentlich der beste Sender. (lacht) Da habe ich auch bemerkt, dass das deutlich weiterentwickelter ist als Deutschrap, auch wenn ich nichts verstanden habe. Die Beats waren einfach geiler und die Videos hochwertiger. In der Zeit wurde ich auch größter Booba- und Sefyu-Fan. Als ich nach Deutschland zurückkam, hat sich für mich dann alles geöffnet. Bis heute höre ich aber auch viel aus Frankreich, das ganze Afrotrap-Zeug feiere ich extrem. Ich verstehe mittlerweile auch ein bisschen Französisch.

Welchen Einfluss haben deine Eltern eigentlich auf deine musikalische Sozialisation gehabt?

Eigentlich kaum einen. Meine Mutter ist zwar Klavierlehrerin und hat auch mal versucht, mir das beizubringen, aber ich glaube, wenn deine Eltern auch deine Lehrer sind, funktioniert das nicht so richtig. (lacht) Ich kann ein bisschen Noten lesen, aber kein Stück spielen oder mit zehn Fingern in die Tasten hauen. Aber die Basics habe ich schon drauf, denke ich. Mein Vater hatte so weiße Audio-Kassetten mit Depeche-Mode-Songs, die ich als sehr junges Kind oft gehört habe. An den Rest kann ich mich nicht mehr genau erinnern, außer, dass er auch Platten mit Afroamerikanern in Hawaii-Klamotten auf dem Cover besaß und ich als vierjähriger Usbeke total überrascht war, dass es Menschen gibt, die anders aussehen als meine Eltern oder meine Verwandtschaft. (lacht) Aber ich habe mich zum Beispiel erst im Nachhinein mit sowjetischer Popmusik beschäftigt. Yalla ist so eine Entdeckung von mir, die waren früher sehr bekannt. Das ist eine usbekische Rock-Band, die Einflüsse aus Beatles, usbekischer Folklore und russischem Chanson vermischt – richtig geil.

Du bist also schon ein Digger. Deine Beats sind dennoch eher synthetisch und nur teilweise Sample-basiert. Was bevorzugst du eigentlich?

Ich spiele lieber selbst ein. Samples auf YouTube zu suchen, dauert mir einfach zu lange. Ich höre auch fast nur Rap, aber ich will keine Rap-Songs samplen – das wäre mir zu dumm. Aber manchmal nutze ich Samples. Millone hat mir zum Beispiel bestimmt sieben Ordner voll mit Samples gegeben, die er über Jahre hinweg gesammelt hat. Ich hatte erst ein schlechtes Gewissen und sagte zu ihm: „Andere Leute zahlen Geld dafür, du brauchst mir nur einen Ordner zu geben.“ Er hat mir aber einfach alle gegeben und meinte bloß: „Mach mir ein paar Beats draus, dann passt das schon.“ Davon ist aber noch nichts veröffentlicht. Manchmal füge ich hinterher Samples in meine Eigenkompositionen ein, nur stark verfremdet. Ich feiere den Sample-Sound sehr. Aber ich arbeite anders: Ich will einfach direkt loslegen und nicht eine Stunde nach Samples auf YouTube suchen. Das ist für mich einfacher. Manchmal schaue ich auch Interviews oder Dokus und baue nebenher Beats. Letztens habe ich eine Doku über die Oktoberrevolution angeguckt – die ist ja jetzt 100 Jahre her. Ich habe diese alten Aufnahmen von Lenin gesehen oder seine Reden gehört und nebenher 21 Savage abgespielt – das war einfach ein geiles Bild. (lacht)

Als Producer durchlebt man immer gewisse Phasen und entwickelt Rezepturen – seien es Glockenspiele, getriggerte Snares oder früher die Kanye-Bongos. Wie gehst du mit solchen „Trends“ beim Produzieren um?

Solche Sachen fallen mir natürlich auch auf, aber ich will jetzt auch keine Idee direkt kopieren. Ich mache es dann ein bisschen anders – manchmal ist das dann ein bisschen wacker, manchmal ist es dann besser. Aber das beeinflusst mich schon, ich höre ja auch viel amerikanischen HipHop, wo viele dieser Trends entstehen. Aber es hängt auch immer sehr mit dem Projekt zusammen, woran ich gerade arbeite. Ich verschicke sehr ungerne Beats. Haiyiti kriegt zum Beispiel ein paar Beats vorab, aber meistens sehr minimal skizziert. Wenn wir den Song dann aufnehmen, produziere ich die Sachen mit ihr zusammen aus. Je nach Vibe entsteht dann etwas. Ich hatte eine Sample-Phase, ich hatte eine Phase, wo ich so schräge Lil-Jon-Synthies benutzt habe, Vocal-Chants habe ich auch oft verwendet – aber eigentlich hängt das immer von dem jeweiligen Künstler ab.

Du hast in einem Facebook-Post erwähnt, dass du deinen ersten Beat an Felix Krull verkauft hast. Ab welchem Zeitpunkt hattest du das Gefühl, dass du Teil einer Szene bist?

Das war nach „Alle meine Haare sind wavy“. Albert war ja damals schon ein bisschen bekannter als ich, aber auch immer noch in so einem Underground-Rahmen im Internet. Als wir „Future Lean“ gemacht habe, gab es ja auch dann etwas zum Vorzeigen. Danach kamen immer mehr Anfragen. Haiyti hat mich zum Beispiel auch aus dem Nichts angeschrieben. Anfangs dachte ich auch, dass das irgendein Kanak ist, ich hatte keine Ahnung. Sie hat dann gefragt, ob sie einen Remix zu „Durch die Straßen“ machen könne. Ich habe das aber komplett ignoriert, auch weil es so merkwürdig geschrieben war. Irgendwann habe ich dann aber gesagt: „Ja, okay, warum nicht?“ und habe sie aufgefordert, mir mal Sachen von sich zu schicken, damit ich wusste, worauf ich mich einlasse – immer noch im Glauben, es sei ein Typ. Sie sagte mir dann gleich so: „Lad mein Mixtape runter.“ Das war „Drop In Music“ mit 2Malle. Ich wollte aber gar kein komplettes Tape hören, also habe ich einfach mal ihren Namen gegoogelt. (lacht) Dann schaue ich ihre Videos und stellte erstaunt fest: „Das ist ja eine Frau?!“ (lacht) Als ich dann bemerkt habe, dass ihre Musik auch noch mega krass ist und so ein verdorbener Rap-Style in Deutschland bisher nicht dagewesen war, hatte ich keine Bedenken mehr. Sie hat parallel dazu auch einen Song mit Juicy Gay gemacht, der zufällig auf meinem Beat war. Juicy hatte dann einen Auftritt in Berlin, zu dem ich sie eingeladen habe, damit wir uns auch mal kennenlernen. Irgendwann später kam sie nochmal nach Berlin und offenbarte mir, dass sie jetzt ein Mixtape aufnehmen wolle. Ich dachte an ein paar Songs, aber ihr schwebte wirklich ein komplettes Mixtape vor. „Ich habe mir jetzt eine Woche freigenommen, lass uns sofort ins Studio gehen!“, hat sie gesagt. Ich hatte allerdings kein Studio zu der Zeit – also mussten wir nach Potsdam fahren. (lacht) Ja, so habe ich sie kennengelernt.

Viele wissen nicht, dass du auch einen Track für Sentino produziert hast. Kannst du einmal erzählen, wie das zustande kam?

Ich habe sogar mehrere für ihn gemacht. Er hat irgendwann einen Song auf polnisch veröffentlicht. Ich glaube, das war einer seiner ersten Trap-Songs, das hatte schon was von Drill Music. Daraufhin habe ich ihn einfach angeschrieben und ihm vier Beats angeboten. Er hat auch direkt geantwortet und war froh darüber, weil ihm ein Producer abgesprungen war. Er hat zwar zu der Zeit auf polnisch gerappt, aber Sentence hat eine geile Stimme und weiß einfach, wie man Pausen setzt, deswegen fand ich das schon cool. Kurz nach meiner Message schrieb er nur: „Okay, diese drei Beats sind gepickt, morgen kommt das Mixtape!“ Am nächsten Tag kam dann auch wirklich das Tape, auf dem ich das Intro, den zweiten Song und das Outro beigesteuert habe – das war echt krass. Mittlerweile haben davon auch ein paar Songs über 100.000 Klicks. Bei seinem zweiten Mixtape habe ich auch noch etwas beigesteuert, aber das hat sich irgendwann verlaufen. Ich habe ihn aber noch nie getroffen, nur einmal seinen Manager in Bremen.