antilopen gang

politik desaster


Die Antilopen Gang ist anders als der Rest der hiesigen Rap-Welt: Koljah, Danger Dan und Panik Panzer machen politischen Rap. Das ist zumindest die aktuelle öffentliche Wahrnehmung der Crew, Stand ein paar Wochen nach der Veröffentlichung ihres Albums „Aversion“. Aber stimmt das überhaupt?

Sagen wir so: Die Antilopen machen Rap. Und weil sie eben politische Menschen sind, fließt dies auch in ihre Kunst ein. Woher rührt also die Aufmerksamkeit weit über die Rap-Szene hinaus? Politik spielte in deutschem Rap anno 2014 ja auch bei anderen Künstlern eine Rolle. Aber eben ganz anders: Wenn es bei den Antilopen politisch wird, dann nicht im Sinne latent antisemitischer Verschwörungstheorien, Halbwissen über Geopolitik, Todesstrafe für Kinderschänder, Migranten als „Gäste“ und all des anderen traurigen Unfugs, für den man sich als Rap-Fan mit Grips dieses Jahr in einer Tour fremdschämen musste. Im Gegenteil.

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feat. antilopen gang

01 - Die neue Antilopen Gang

C-Rebell-um ist wütend. Gerade läuft in seinem Autoradio die dritte Strophe von „Beate Zschäpe hört U2“, der zweiten Single aus dem jüngst erschienenen ersten Album der Antilopen Gang. Sein Kiefer malmt, er reckt seinen Mittelfinger und brüllt in die Handykamera. „Ihr Wichser! Antilopen Gang! Wer hat euch bezahlt, ihr Verbrecher?“ Nun kennen wir solche Szenen zur Genüge aus dem hiesigen Rap-Game: Rapper X ist wegen irgendwas sauer auf Rapper Y und macht seiner Wut in einem „Statement“ Luft – ganz normaler Beef-Alltag in Deutschland. Im Falle von C-Rebell-um geht es jedoch nicht wie üblich um gekündigte Freundschaften, Einzelkampf, Karotten, Geld oder vollgewichste Gummibärchen – es geht um Ken Jebsen und das weltanschauliche Kuddelmuddel drumherum, was zumindest von deren Anhängern als „Friedensbewegung“ bezeichnet wird. Und damit - zumindest für den wütenden Glatzkopf im Auto - ans Eingemachte.

Wer ist das überhaupt, mag sich nun manch Rap-Fan fragen; was hat es mit dieser – bis dato einseitigen - Auseinandersetzung auf sich? C-Rebell-um, so viel sei gesagt, muss man nicht unbedingt auf dem Schirm haben: Er macht seit gefühlt hundert Jahren erfolglos holprige Rapmusik, die – wenn überhaupt – nur von Leuten rezipiert wird, die an eine „Gleichschaltung“ der Medien glauben, Montagsmahnwachen besuchen, die Existenz der Bundesrepublik Deutschland anzweifeln und sich mit Chemtrails, freier Energie und sonstigem esoterisch-verschwörungsideologischem Mumpitz beschäftigen. Der Grund für seinen Ausraster: In besagter dritter Strophe kriegt genau dieses Milieu lyrisch aufs Aluminiummützchen. Zunächst erzählt Danger Dan eine Strophe von dem ganz normalen alltagsrechten Sumpf, den er am Tresen ranziger Eckkneipen verortet, „die irgendwas mit 'Deutsch', 'Heimat' oder 'Adler' heißen“. Dann berichtet Panik Panzer von einem für ihn traumatischen Überfall Rechtsradikaler, der ihn durchaus das Leben hätte kosten können. Bis dahin ein zwar für Deutschrap-Verhältnisse ungewöhnlich direkter, aber inhaltlich konsensfähiger Song über und gegen Nazis und somit kein Grund auszuflippen. Koljah macht jedoch den Sack auf bemerkenswerte Art und Weise zu: Für ihn stehen Verschwörungsgläubige und Fans von Ken Jebsen, Jürgen Elsässer und all den anderen Mahnwachen-Protagonisten in einer Reihe mit den in den beiden ersten Strophen aufs Korn Genommenen – und schlussfolgert daraus: „Man kann und darf mit diesen Leuten gar nicht mehr reden/Es sollte nur noch darum gehen, ihnen das Handwerk zu legen.“

lass die antilopen sprechen

Das hat offenbar gesessen: Hüben freute sich die linke, mahnwachenkritische Szene einen Postingmarathon in die Facebook-Timeline, drüben bellten sich die getroffenen Hunde heiser. Der Mahnwachen-Popstar und Doubletime-Demagoge Ken Jebsen machte seinem Ruf als Held der Meinungsfreiheit alle Ehre und ging gleich mal juristisch gegen die Antilopen vor, weil er sich als Antisemit verunglimpft fühlte – übrigens ein Vorwurf, der zumindest so handfest ist, dass er ihn schon mal seinen Job als Radiomoderator im Öffentlich-Rechtlichen gekostet hatte. Und natürlich fiel in Jebsens Windschatten die ganze Verschwörungsmeute über die Antilopen her: Im Netz hagelte es alles, was die Szene zu bieten hat - von simplen Morddrohungen bis hin zu eigens konstruierten Verschwörungstheorien, wonach die Antilopen Gang bezahlte Propagandisten im Auftrag von wemauchimmerdiedaoben sein sollen. In der Folge waren die Antilopen samt Song auch in den Mainstream-Medien ein Thema, der Wikipedia-Eintrag über Ken Jebsen wurde um einen eigenen Antilopen-Absatz ergänzt – und deutscher Rap hatte plötzlich ein politisches Aushängeschild.

"Der Wikipedia-Eintrag über Ken Jebsen wurde um einen eigenen Antilopen-Absatz ergänzt und Deutscher Rap hatte plötzlich ein politisches Aushängeschild."
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Ken Jebsen
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Letzteres stimmt natürlich nur zur Hälfte: Im Gegensatz zur Diskussionsblase rund um Mahnwachen-Anhänger, -Gegner und -Berichterstatter hat die hiesige Rap-Szene das alles nämlich nur am Rande registriert, zum Reizthema-Song selbst herrschte größtenteils indifferentes Schweigen. Und dafür gibt es Gründe: Zum einen ist HipHop in Deutschland alles andere als ein politisch aufgeladener Raum. Oft genug wird hier eine Haltung geäußert, wonach man diesen anstrengenden Politikscheiß doch bitte woanders stattfinden lassen soll als im Rap. Außerdem herrscht in der Rap-Szene gegenüber den inkriminierten Inhalten der verschwörungsgläubigen Friedensbewegten generell keine übergreifende ablehnende Haltung – diverse auch sehr erfolgreiche Deutschrap-Veröffentlichungen strotzen geradezu vor Anleihen aus Verschwörungsweltbildern.

Zum anderen sind die Antilopen seit jeher ein kleines Paralleluniversum im Deutschrap: Dass „Aversion“ nicht auf einem der bekannten Imprints der HipHop-Industrie erschien, sondern tatsächlich auf einem Label, das den Altpunks von den Toten Hosen gehört, ist angesichts der Geschichte der Crew nur konsequent. Lange Zeit waren die drei – beziehungsweise vier; Rapper NMZS nahm sich im März 2013 das Leben – in Zusammenhängen aktiv, die man wenig schmeichelhaft als „Zeckenrap“ bezeichnet: Sich als explizit links verstehende Rapmusiker, die oft genug Inhalt über Style setzen und somit zwar deutliche Vorteile haben, was die zielsichere Delivery der Message angeht, aber bei HipHop-Freunden mit hauptsächlich ästhetischen Ansprüchen an Rap komplett unter dem Radar fliegen. Dass die Antilopen das Zeckenrap-Klischee noch nie erfüllten und seit Mitte des letzten Jahrzehnts eine ganze Reihe sträflich vernachlässigter Solo-, Kollabo- und Crew-Releases voll richtig guter Rapmucke unter die Leute brachten – geschenkt.

"Dass „Aversion“ nicht auf einem der bekannten Imprints der HipHop-Industrie erschien, sondern tatsächlich auf einem Label, das den Altpunks von den Toten Hosen gehört, ist angesichts der Geschichte der Crew nur konsequent."

Die Szene nahm erst in größerem Umfang Notiz, als die vier unter dem Pseudonym Caught In The Crack den zum damaligen Zeitpunkt überpräsenten Dipset/Gangsta-Rap nicht nur persifierten, sondern so gekonnt übertrieben durchexerzierten, dass daran sogar Leute Gefallen fanden, die die Persiflage nicht mal als solche erkannten. Auch der bis zum Release von „Beate Zschäpe hört U2“ größte Hit der Gang fand in einer Welt abseits des Deutschrap-Kernpublikums statt: „Fick die Uni“ von Panik, Koljah, Danger Dan und NMZS wurde – natürlich – ein Hit an den Universitäten der Nation; ein Stück, das zwar so mancher Ersti komplett auswendig konnte, aber in den 2009er Jahresendlisten der Szeneheimer dennoch kaum bis gar nicht vorkam – obwohl auch das dazugehörige Album „Spastik Desaster“ ein Lichtblick eigensinniger, alternativer Rapmusik war.

Und nun dieser Shitstorm aus den Reihen der Verschwörungsdödel. Wieder ein Antilopen-Impact, der die Rap-Szene eher an der Peripherie tangiert. Koljah, Danger Dan und Panik Panzer wird das jedoch nur bedingt die Laune verderben. Denn dass ihr spezieller Ansatz an Rap auch spezielle Rezipienten findet, das haben sie in ihrem Werdegang ein ums andere Mal erfahren – und sich damit eine Fanbase erspielt, die von den Moden und irrlichternden Inhalten der deutschen Rap-Szene komplett unabhängig ist. Nur schade, dass die Diskussion um die jetzt schon berühmte dritte Strophe nicht auch hier prominent stattfindet – denn Deutschrap hätte sie durchaus nötig.

Das Album "Aversion"


Text und Interview
Marc Leopoldseder

19.12.2014
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