Antifuchs: „Ich rappe nicht für kurze Hypes.“ // Interview

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Antifuchs kam aus Flensburg über Witten nach Berlin. Inzwischen als „Vollzeitrapper“ produzierte sie das Debutalbum „Stola“. Christopher Kammenhuber hat mit ihr ein Gespräch über Hypes, Real Rap und den Begriff „Female-Artist“ geführt.

Moin Antifuchs! Oldschool oder Future?

Ich respektiere Oldschool. Schließlich bin ich so aufgewachsen. Der New-School-Energie bin ich trotzdem definitiv nicht veschlossen. Viele sagen, dass sie das gar nicht anfassen würden. Ich picke die Beats, die mir am besten gefallen. So kann ich was eigenes entstehen lassen, ohne doof auf irgendeinen Hype aufzuspringen.

Rap ist so erfolgreich wie nie. Überall entstehen Hypes. Böse Zungen behaupten sogar, das Album sei tot. Hast du „Stola“ aus der Liebe zur Alten Schule geschaffen?

Schwierig zu sagen. Das Album habe ich definitiv gemacht, um für mich endlich dieses Konstrukt „Album“ zu haben. Ein ganzes Paket, was von vorne bis hinten musikalisch meinem Geschmack entspricht. Dieses Gefühl wird wohl von der Alten Schule geprägt sein. Seitdem ich Musik mache, habe ich gesagt, dass ich nicht für kurze Hypes rappe. Ich will langfristigen Erfolg sicherstellen und mich mit meiner Musik etablieren. Ich glaube, das kannst du nicht mit 1-2 Tracks. Da musst du schon mehr beweisen. Gefühlt ist es so: Solange du kein Album hast, wirst du als Newcomer gehandelt. Du brauchst einen roten Faden und ein Konzept.

Wie viele Tracks sind auf „Stola“? Beleidigungen?

Insgesamt sind es 17 Songs geworden. Ja, hier und da, das bleibt nicht aus. Ich nenne aber keine Namen und disse nicht sinnlos rum. Ich sehe es nicht als nötig an, irgendwelche Namen zu droppen und brauche keinen Promo-Beef. Im Vergleich zur New-School-Bewegung bin ich mir da sehr treu geblieben.

Und wie sind die Beats auf „Stola“?

Die Beats sind mindestens genauso breit gefächert wie mein Musikgeschmack: Man hört harte Sounds, natürlich Real-Rap auf Albumlänge. Es sind aber auch ein paar poppigere Tunes dabei. Ich habe mich auch ein bisschen im Gesang ausprobiert. Die Hooks sind teilweise sehr melodisch geworden. „Mama“ zum Beispiel ist sehr deep. Aber es geht eben auch harter Rap: Auf die Fresse, wie man das von mir gewohnt ist! Mit entsprechenden Beats. Ich bin sehr, sehr, sehr zufrieden.

Hast du dich für Features entschieden?

Ja, zwei Features habe ich drauf: Einmal Freunde aus der Heimat, Shliiwa & Bugen, zusammen sind die eLPKa. Das ist das Herzensfeature so gesehen. Und Lakman: auch ein sehr besonderes Feature für mich. Ich durfte Laki in den letzten Jahren kennenlernen. Deswegen ist es auch mehr ein Freunde-Feature als irgendein Name, den man mit auf’s Album holen will. Das ist für mich etwas besonderes. Früher habe ich natürlich Creutzfeld & Jakob gehört. Ist dann schon geil, so jemanden auf dem ersten Album zu haben.

Wie stehst du zu Künstlern, deren Debutalbum mit Features durchsetzt ist?

Ich kann Künstler verstehen, die auf Zusammenarbeit ihre Basis aufbauen. So fing es ja auch bei mir an. Man hat immer gemeinsam Mucke gemacht. Wenn deine Features aus deiner Clique bestehen, dann bist du’s trotzdem, auch wenn der Text nicht von dir kommt. Ich finde es nur sehr problematisch, wenn du dir nur Namen einkaufst. Das bist dann halt nicht du. Das präsentiert dich dann auch nicht.

Wie stehst du dazu, als „Female-Artist“ oder Rapperin gelistet zu werden?

Ich mag die Unterscheidung nicht. Je mehr man im Sprachlichen unterscheidet, desto stärker wird der Unterschied. Ich stelle mich mit den Jungs gleich. Meine Skills sind auf Augenhöhe mit vielen. Deshalb sage ich nicht „Rapperin“ sondern „Rapper“. Man sagt ja auch nicht „Male-Artist“. Es ist mir total wichtig, dieses Stück Gleichberechtigung zu erschließen.

Aber in deinen Texten finden Männer- und Frauenrollen ja schon statt…

Naja, es gibt ja defintiv Unterschiede. Thematisch können Männer nicht die gleichen Tracks machen wie Frauen. Ich mag es textlich mit den Geschlechterrollen zu spielen. Da kann ich mir einen kleinen Vorteil mit Wortwitz schaffen. In „Wie ein Mann“ heißt es beispielsweise „Ich bin nicht In, denn ich bin Rapper wie ein Mann“. Man muss da nicht den Unterschied so hervorheben, die Gleichberechtigung geht damit flöten.

Wird das Influencer-Game im Rap zu mächtig?

Rapper sind in gewissem Maße schon immer Influencer gewesen. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich neben meinem Studium bei Snipes gearbeitet habe. Da wurde gerade Cro gehypet. Und weil er Air Force getragen hat, hatten wir monatelang Probleme, Air Force nachzubestellen. Einfach nur, weil er die getragen hat und alle Mädchen die auch haben wollten. Wir sind schon immer Influencer gewesen. Bei Werbe-Geschichte ist es immer ein schmaler Grat, ob man sich verkauft oder hinter dem Produkt steht.

Teilweise disst du auch Medien und verachtest Schubladendenken…

Ich passe schwer in Schubladen. Deswegen lasse ich mich da auch ungerne reinstecken, wie auch bei „Frauen-Rap“. Ich gebe jedem Menschen die Chance sich von mir zu überzeugen, sie müssen unvoreingenommen an Sachen rangehen. Die meisten tun das nicht, weil die Medien von vornhinein katagorisieren. Wenn die Schublade beim Hören dann nicht erfüllt wird, kriegt der Hörer ein schlechtes Gefühl. Wenn du keinen Bock auf meine Mucke hast, kannst du immer noch weghören, aber gib mir erstmal die Chance, dich ganz von meiner Musik zu überzeugen. Mir reicht keine Schublade, es muss schon ein ganzer Schrank sein.

Und wer ist dein favourite Anti-Held?

Deadpool ist schon ziemlich cool. Ich glaube er ist der einzige richtige Anti-Held im Superhelden-Universum. Das ist ein super geiler Charakter, der da erschaffen wurde. Mit trockenem Witz und schwarzem Humor. Das passt zu mir.

Und wie sieht es Live bei dir aus? Welcher Auftritt war bisher der krasseste?

Schwierig zu sagen. Wir hatten schon viele tolle Auftritte. Im September haben wir zum Beispiel im „Kleinen Donner“ in Hamburg gespielt, bevor der zugemacht wurde. Das war ein super kleiner Gig, aber es war so eine geile Stimmung bei den Leuten, obwohl die Crowd so klein war! Beeindruckend war aber auch das Helene-Beach-Festival vor zwei Jahren. Auf der großen Festival-Bühne. Du hast da erstmal so 10 Meter die du nach hinten laufen kannst…

Antifuchs, vielen Dank für das Interview!