Allan Kingdom: „Ich konnte genau beobachten, wie Desiigner groß rauskam“ // Interview

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Mit 21 Jahren mal eben von Kanye West auf die Bühne der Brit Awards geholt zu werden, und für den zweifach-Grammy-nominierten Track „All Day“ die Hook beizusteuern, sollten trotz der Brillanz in der Ausführung nicht die einzigen Gründe sein, weshalb man Allan Kingdom auch zwei Jahre später noch auf dem Schirm haben sollte. In St. Cloud, Minnesota größtenteils mit seiner tansanischen Mutter aufgewachsen, hat sich der heute 23-Jährige zusammen mit seinen thestand4rd-Members Corbin aka Spooky Black, Bobby Raps und Psymun, sowie dem inoffziellen 5. Mitglied und Tour-DJ tiiiiiiiip auch außerhalb der Soundcloud-Hemisphären und nordamerikanischen Youtube-Mischwäldern einen Namen gemacht. Afrikanische Klänge, kanadische Klimazonen und Mainstream-R’n’B machen die Mischung aus Einflüssen – zusammen mit einer Kopfstimme, die sich für immer im letzten Atemzug des Stimmbruchs zu befinden scheint – auf seinem Debütalbum „Lines“ extrem wirkmächtig. Die Hooks bleiben kleben wie süßer Ahornsirup, ebenso wie die darin transportierten, verschiedenen, detailreichen Stimmungen. Er durchbricht soundtechnisch nicht nur Staats- und Landesgrenzen, sondern auch die ein oder andere Vorstellung davon, wie HipHop aus Minnesota zu klingen hat. Unsere Autorin Lena Grehl hat sich mit ihm unter anderem über die (Un)Wichtigkeit von Labels, den für ihn unausweichlichen Support jüngerer Künstler Minnesotas und seinen Blick auf die Musikindustrie unterhalten.

Foto: Nina Francesca Nagele

Foto: Nina Francesca Nagele

Auf „Don’t Push Me“ von deinem neuen Album „Lines“ rappst du: „I am from Canada, I am from Africa, I am from so many states.“ Das ist eine ziemlich gute Art und Weise sich heute einer eher europäischen Crowd vorzustellen. Du hast deine Herkunft aber auch auf vorigen Projekten ziemlich hart repräsentiert. Wie viel Gewicht haben deine Wurzeln in deiner Musik?

Ziemlich viel, denn wenn ich anfange neue Sounds zu kreieren, richtet sich mein erster Instinkt immer auf die Art von Musik die mir als allererstes von meiner Mutter vorgespielt wurde. Das waren einerseits traditioneller, afrikanischer Sound und andererseits aber auch viel R’n’B, der zu der Zeit eben groß war. Die kanadischen Einflüsse in meiner Musik haben mehr mit der derzeitigen Musik dort zu tun. Wenn man sich die Künstler aus Kanada im Moment anhört, stellt man fest, dass wir diesen bestimmten Sound haben, der eine sehr emotionale Seite mit sich bringt. Es fühlt sich nicht so an als würde ich wirklich versuchen es so klingen zu lassen, nur weil ich aus der Gegend komme. Einfach nur Zeit dort zu verbringen, den Vibe und die Natur auf sich wirken zu lassen, lässt diesen bestimmten Sound in der Musik durchklingen. Wenn du in New York City aufgewachsen bist, klingt es halt anders.

Atmosphere haben einen (mittlerweile gelöschten) Tweet losgelassen, in dem sie jüngere Künstler aus Minnesota dafür belächeln, die Gegend wieder auf die Karte packen zu wollen. Darüber, dass sie und ihr Label Rhymesayers Entertainment ziemlich viel für die Repräsentanz Minnesotas getan haben, müssen wir ja gar nicht reden. Ich finde aber trotzdem, dass er andere Künstler aus Minnesota höher halten könnte – auch wenn sie vielleicht total andere Musik machen und nur die Herkunft teilen.

Oh, er hat es gelöscht? Lustig, das wusste ich gar nicht! (dreht sich zu seinem DJ tiiiiiiiiip) – Ey yo Tip, er hat ihn gelöscht! Jedenfalls – wenn mir jemand respektlos gegenübertritt, werde ich immer meinen Mund aufmachen. Wenn diese Aussage mich persönlich gar nicht betreffen würde, dann hätte ich auch nichts gesagt. Aber das war in dem Fall nicht so. Ich fühle mich persönlich verbunden mit Kanada und den jungen Leuten aus meiner Nachbarschaft, die wirklich gute Musik machen und versuchen es raus zu schaffen. Es ist schon schwer genug aus Minnesota zu kommen. Wenn ich also höre, dass ältere Menschen im Prinzip Kinder runtermachen, die versuchen sich aus der exakt selben Situation zu kämpfen, in der diese Personen sich auch mal befunden haben – das kann ich nicht wirklich respektieren. Ich habe bisher immer versucht allen Menschen aus Minnesota, von denen ich wirklich denke, dass sie talentiert sind, zu helfen. Auch wenn ich wirklich nicht viel machen kann, werde ich immer alles dafür geben, ihnen den Einstieg etwas zu erleichtern.

Die Songs waren nicht „christlich“ genug, also hat sie die Schimpfwörter mit biblischen Begriffen ersetzt.

Allan Kingdom

Die jüngere Rap-Szene in Minnesota wurde ja auch durch euer Kollektiv thestand4rd geprägt. In einem Song auf eurer EP hast du gerappt: „We‘re just some kids with computers“, also hat sich in meinem Kopf ein Bild von euch aufgetan, dass vielleicht etwas unverstandene Kinder zeigt, die sich durch die MySpace-Seiten der anderen geklickt haben. Eure finale Zusammenkunft war aber eher physischer Präsenz zu verdanken.

Ja das stimmt, wir haben uns zuerst immer mal wieder im Studio gesehen, da sind wir aber nie so richtig zusammengekommen. Wir haben uns dann aber online connected und gleich danach persönlich getroffen. Bobby hatte zuerst immer mal wieder etwas mit einem Rapper und Producer Netzwerk zu tun, das von unserem heutigen Tour-DJ tiiiiiiiip angeleitet wurde. Spooky hat davon Wind bekommen und war auf einer der Shows, auf der auch Psymun gespielt hat. Ich hab zu der Zeit angefangen in Bobbys Studio aufzunehmen und als er begann mit Corbin Musik zu machen wusste ich genau, dass wir gut zusammenarbeiten könnten. Es kam alles wahnsinnig natürlich.

Jeder von euch hatte in den letzten Jahren seinen eigenen Aufstieg, auf ganz verschiedene Art und Weise und mit unterschiedlichem Erfolg, den man ja beliebig durch Klickzahlen oder entstandene Features werten könnte. Egos und Stundenpläne zu vereinen kann bestimmt mal schwierig sein. Wie sieht die ideale Zukunft für thestand4rd aus, wenn es nach dir ginge?

Das ist sehr wahr, aber das ist ja bei jeder Künstlergruppe so. Es ist schwierig und es wird immer komplizierter. Aber wenn du mich fragst, wird es sich auch immer mehr lohnen. Man hat viel mehr Kreativität aus der man schöpfen kann, mehr Ideen und mehr Blickwinkel. Es wird also immer irgendwie gut am Ende des Tages. Ich glaube wir werden einfach genau so weiter machen, jeder klettert ein Stück weiter hoch – wie du so schön gesagt hast, auf seine eigene Art und Weise. Zum richtigen Zeitpunkt stehen wir dann wieder in Kontakt, das kommt aber alles ganz natürlich. Wir werden nicht danach gehen, was andere uns sagen oder für richtig halten. Wir machen einfach immer das, was sich für uns zu der Zeit richtig anfühlt. Ich glaube diese Sache wird immer irgendwie fortbestehen.

Lass uns mal zu den sehr, sehr frühen Tagen deiner Musikkarriere zurückrudern. Du hast deine erste CD im zarten Alter von neun Jahren aufgenommen. Ich konnte sie leider nicht besorgen, da fehlen mir einfach noch Nardwuars Skills. Erzählst du mir, wie das entstanden ist?

In der Kirche, in der ich mit meiner Mutter war, gab es im oberen Bereich ein kleines Studio. Ich wollte immer unbedingt Musik aufnehmen, aber meine Mutter hatte HipHop immer eher mit negativen Dingen assoziiert – also hat sie mich in der Kirche unter der Aufsicht des christlichen Studioleiters aufnehmen lassen. Die Songs, die ich geschrieben habe waren ihr aber nicht „christlich“ genug, also hat sie Schimpfwörter rausgestrichen und mit biblischen Begriffen ersetzt.

Das nenn‘ ich mal „Parental Advisory.“

Ja, das war die einzige Möglichkeit für mich Musik aufzunehmen und ich glaube auch, dass es mich in der Art und Weise beeinflusst hat, in der ich jetzt Musik mache.

Inwiefern?

Neben der afrikanischen Musik, die sie gespielt hat, macht die christliche Musik den Hauptteil meiner Einflüsse aus. Die Positivität, die diese Musik mit sich bringt – naja, nicht alles ist immer unbedingt gut, aber ich wurde dadurch ein positiver Mensch und ich glaube das kann man in meinen Songs auch hören.

Auf „Know About It“ aus deinem jüngsten Release sagst du: „They fold with the pressure, I am like diamonds.“ Du agierst viel selbstbewusster auf diesem Album. Ist das auch den Erfahrungen geschuldet, die du während der Zeit des sagenumwobenen Kanye-Features machen durftest?

Ja auf jeden Fall, das war natürlich ein total großes Ding. In der Industrie, die hinter all dem steht, war das eine meiner frühen und großen Leistungen. Vor allem als neuer Künstler lernst du hier viel über Menschen. Das liegt zum einen daran, dass man viel umherreist und von A-Promis umgeben ist, oder Menschen die auf dem Weg dahin sind. Ich konnte zum Beispiel genau beobachten, wie Desiigner groß rausgekommen ist. Dann gibt es wiederum Menschen, die jüngere Kreative einfach nur beobachten. Das war einfach eine ziemlich gute Zeit in meinem Leben und deswegen ist das auch ein großer Teil des Albums.

Was war die größte Lektion, die dir die Industrie erteilt hat?

Ich habe gelernt, dass es besser ist mit Leuten zusammenzuarbeiten, mit denen du glücklich bist. Also Menschen, von denen du das schon weißt. Menschen, die du aufrichtig gern hast und um die man sich auch dementsprechend kümmert. Ich denke, das ist auch das Beste an meinem Leben im Moment. Viele versuchen ihr Leben von der Arbeit oder der Industrie zu trennen. Aber wenn man einfach das macht, was man liebt, zusammen mit Menschen, die dir etwas bedeuten, dann entsteht etwas, das kein anderer, noch so großer Produzent hätte entstehen lassen können.

Reich werden mit Freunden? Klingt gut.

Exakt!

„Fuck My Enemies“ betont auch ein relativ großes „Fick dich“ an die Industrie. Kannst du diese Art von Wut nutzen um deinen Erfolg auf Unabhängigkeit aufzubauen?

Ja, auf jeden Fall! Ich glaube viele versuchen es so aussehen zu lassen, als ginge es mehr um die Spaltung innerhalb der Indie-Label-Szene, aber das ist nicht wahr. Das heißt wirklich gar nichts. Die Trennung verläuft zwischen Menschen mit Macht und Menschen ohne Macht.

Macht heißt finanzielle Ressourcen?

Einflussreich sein und Geld haben ist nur eine Form von Macht. Nur weil man nicht bei einem großen Label gesignt ist, heißt das nicht, dass ich nicht großartige Leute hinter mir haben kann – Leute mit denen ich eben aufgewachsen bin. Es ist nichts schlechtes, aus finanziellen Ressourcen schöpfen zu können, oder aus einer Familie zu kommen die finanziell eben etwas besser aufgestellt ist. Das ist ja quasi das, was ein Label macht. Du brauchst also nicht unbedingt ein Label, verstehst du was ich meine? Es gibt immer diese Schubladen an die sich Leute festklammern – ob man irgendwo gesignt ist oder independent, positiv oder negativ, schwarz und weiß. Aber eigentlich geht es darum: Es gibt talentierte Künstler ohne Ressourcen und es gibt talentierte Künstler mit Ressourcen, die alles dafür tun werden um irgendwie zu einem Teil dieser Industrie zu werden. Hierbei vollziehe ich die Trennung. Ich sehe Menschen mit Talent, etc. aber sie sind eben noch nicht so vernetzt, ressourcenlos oder verfügen nicht über viel Macht oder Geld, deren Onkel kennt diese Person nicht und deren Vater gehört nicht jene Firma. Wenn ich das bei anderen sehe, regt es mich irgendwie noch mehr auf als bei mir selbst. Wenn ich damit konfrontiert war, habe ich mir immer gedacht: „Ich pack das schon irgendwie.“, aber bei anderen macht es mich irgendwie noch wütender. Das ist auf jeden Fall etwas, dass ich gerne ändern würde als Künstler. Es geht darum, Menschen eine Stimme und Plattform zu geben, die etwas kreieren aber noch kein Ventil dafür haben.

„Lines“ hält viele bestärkende Aussagen bereit. Was wäre die wichtigste Nachricht für all diejenigen, die vielleicht noch keine E-Mail von Plain Pat erhalten haben?

Schau zu dir selbst hoch. Den eigentlichen Traum den du hattest, kennst nur du. Auch wenn du versuchst, es anderen zu erklären – sie werden es nie wirklich verstehen bis du genau das machst. Du solltest also immer auf dich selbst schauen, das ist für mich die beste Herangehensweise bei so ziemlich allen Entscheidungen. Gehe mit deinem Bauchgefühl. Fühl es.

Foto: Nina Francesca Nagele

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