Ali As: „Ich habe versucht, möglichst elegant über das Minenfeld zu spazieren“ // Interview

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Dass der Münchener mit dem 1er-Abi nicht die klassischen Eckdaten eines Rappers habe, ist nicht nur etwas generalisierend gegenüber Rappern, vor allem hat es wenig mit seiner Musik zu tun. Ali As, der in den letzten Jahren spielend leicht Features mit Kollegah und mit Money Boy unter einen Hut und Namika auf einen Hit gebracht hat, beendet mit „Insomnia“ seine große Trilogie. Dass Doppelreimketten und Swag sich nicht widersprechen, sollte selbstverständlich sein, wenn man daran arbeitet, der Größte aller Zeiten zu werden. Unser Autor Mathis Raabe sprach mit Ali As über „Insomnia“ und die damit vollendete Trilogie.

Umspannt diese Trilogie die Zeit, in der sich deine Karriere am meisten entwickelt hat?

Definitiv. Zumindest als Solo-Künstler und nach außen hin. Viele Weichen wurden schon in den Jahren zuvor gestellt, aber nicht für den Luxus der Solo-Karriere, die ich dann wiederbelebt habe.

Hast du Druck verspürt, alle Facetten deines Schaffens untergebracht zu haben, als du dieses Mammutwerk abschließen wolltest?

Ich glaube, die Facetten waren alle schon ab der ersten Platte da, aber noch nicht so ausgeprägt. Das Trap-Zeug, das gerade so präsent ist, hatte ich schon auf der „EMWIMO“-EP, die eine Art Grundstein für die Trilogie war. Jetzt ging es darum, einen coolen Mittelweg zu finden. Denn die Zeit schreitet voran und du versuchst, eine geile Momentaufnahme zu liefern von dem, was bei dir gerade passiert. Ich hätte es uncool gefunden, 2017 genauso zu klingen wie 2014. Deshalb: Das Gewand ist einen Tick anders, der Typ, der es präsentiert, ist aber immer noch der selbe. Nur ist er jetzt ein bisschen fitter.

Ein Höhepunkt auf der Spannungskurve der Trilogie entstand, als „Lass Sie Tanzen“ in die Single-Charts eingestiegen ist. Gehst du mit, wenn man den Song als einen Pop-Hit beschreibt?

Ich glaube, wenn man ausgehend von einer Marktanalyse versucht hätte, einen möglichst erfolgreichen Pop-Hit zu schreiben, wäre das nicht dabei rausgekommen. In den Strophen ist sehr viel Rap drin. Da wurde nichts gekürzt, damit der Hörer besser mitkommt. Auch thematisch ist der Song nicht unbedingt „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“. Gut, mit „Tanzen“ ist immerhin ein Affen-Aspekt dabei.

Die jüngste Single „Von den fernen Bergen“ scheint eine politische Message unter dem Deckmantel eines Gute-Laune-Songs zu transportieren.

Es war mir wichtig, den Leuten nicht negativ aufzustoßen und nicht mit dem Zeigefinger zu wedeln. Bei diesem Song habe ich mich am schwersten getan, die Strophen zu schreiben. Ich wollte etwas schreiben, das sowohl dem Thema gerecht wird als auch bekömmlich ist und sich aus meiner Position authentisch anfühlt, ohne auf der Tränenschiene oder der Mitleidsschiene zu landen. Es gibt viele ekelhafte Schienen, wenn deutsche Rapper versuchen, politische Songs zu machen. Ein solcher Song ist ein Minenfeld. Ich habe versucht, möglichst elegant über das Minenfeld zu spazieren, ohne auf eine Mine zu treten.

Wie würdest du die Message zusammenfassen?

Es ist ein Appell an die Menschlichkeit im Stil von „Ein bisschen Frieden“. Nein, Quatsch! In erster Linie habe ich an die Menschen gedacht, die zu uns kommen und nichts haben und niemandem etwas Böses wollen. Denen muss man nicht noch unnötig das Leben schwer machen!

Manchmal schreibe ich Popgeschichten für andere und merke, das ist ein geiler Song, es ist eine coole Emotion, die transportiert wird, aber ich kann das nicht machen, das bin nicht ich.

Ali As

Die Strophen klingen mitunter nach klassischen Representern. Geht es darum, die Blase aufzuzeigen, in der man lebt, wenn es einem gut geht?

Na klar. Wir wollen immer höher, schneller, weiter. Wir können unseren Traum leben und unserer Bestimmung folgen. Wie viele Menschen gibt es, die nichtmal der Bestimmung folgen können, ein Dach über dem Kopf zuhaben?

Du bist Fan von Filmzitaten: Folgt aus großer Kraft große Verantwortung? Fühlst du dich durch Reichweite und musikalisches Talent verpflichtet, mitunter Missstände aufzuzeigen?

Alles kann, nichts muss. Wenn aber jemand wie zum Beispiel Kollegah mit seinem selbst erwirtschafteten Kapital etwas Positives erwirkt und gleichzeitig den Leuten, die er mit seiner Reichweite erreicht, einen guten Impuls gibt, dann finde ich das sehr löblich und ahnbar. Ich rappe zwar auf Songs wie „Asche auf Balmain“ auch von Luxusartikeln, aber ich merke zunehmend, dass ich selbst gar nicht so ein oberflächlicher Mensch bin, der andere Leute nach diesen Dingen beurteilt. Leider lebe ich aber in einer Gesellschaft, gerade in München und manchen gehobeneren Kreisen, in denen ich mich bewege, in der das viele tun.

Du sprichst in Interviews gerne in Sinnbildern und Lebensweisheiten.

Meistens sind das im Endeffekt dann dumme Bauernregeln, nur ein bisschen schöner verpackt. Wenn man das Geschenkpapier aufreißt, ist es plötzlich: „Was du nicht willst, das man dir tut…“ Gehalten haben sich die drei Schlagwörter: „Prolet, Poet, Prophet“, die wir vor „Amnesia“ als eine Art Brand etabliert haben. In eine dieser drei Schubladen kann man eigentlich alles, was ich mache einordnen, im besten Fall stecken alle drei in einem Song. Manchmal schreibe ich Popgeschichten für andere und merke, das ist ein geiler Song, es ist eine coole Emotion, die transportiert wird, aber ich kann das nicht machen, das bin nicht ich.

Du beginnst „Insomnia“ auf „Königshallen“ mit der Hook „Auf dem Weg zum Größten aller Zeiten“. Das sind starke Worte.

Die Hook kann man zweierlei verstehen. „Auf dem Weg zum Größten aller Zeiten“ kann auch bedeuten, auf dem Weg zum Gott, denn das Leben ist Sterben auf Raten. Das Ziel des Lebens ist der Tod, deshalb ist eigentlich jeder ständig auf dem Weg zum Größten aller Zeiten. Aber du hast Recht, es ist ein selbstbewusster Opener. Dann endet das Album aber mit „Mercedes“, wo es heißt: „Ich fühl mich so wertlos und werde gebremst“. Die ganze Reise zum Größten aller Zeiten ist ein Teufelskreis, irgendwann kommst du immer wieder an den selben Punkt. Immerhin ist „Mercedes“ eine Hommage an Janis Joplin, die alles andere als eine materialistische Person war und am goldenen Schuss gestorben ist. Deshalb relativiert dieser Song alles, was auf dem Album vorher passiert ist. Oft muss ich mir anhören: „Voll der materialistische Rap, den du jetzt machst!“ Dann muss sich derjenige noch ein bisschen ausgiebiger mit dem beschäftigen, was ich erzähle. Es ist ein kein Album, dass du einmal hörst und direkt durchsteigst. Es ist sehr durchdacht und genial.

Damit beendest du auch den letzten Teil der Trilogie an einem Punkt, an dem es weitergehen muss anstatt in den Königshallen angekommen zu sein.

Exakt. Es ist ein offenes Ende. Von den drei Alben verfolgt dieses am stärksten ein Konzept. Ich weiß selbst noch nicht, was danach kommen wird. Es wird nach der Trilogie nicht noch einmal die selbe Form kommen, die ich jetzt Stück für Stück perfektioniert habe.