Ali As – Euphoria

Unser Autor Fionn Birr hat Ali As‘ neusten Streich „Euphoria“ mal genauer unter die Lupe genommen.

Punchline-Gott, Ghostwriter, Neuzeit-Hippie: Ali As hat sich den letzten anderthalb Jahren vom sträflich unterschätzen Rap-Wunderkind zum Lieblingsrapper deines Lieblingsrappers gespittet. Mit seinem 2015er Album „Amnesia“ hat der Twitter-König das bisher erfolgreichste Jahr seiner Laufbahn bewältigt und die schlüssigste LP seiner Diskografie vorgelegt – bis dato. Doch wie schon die Featuregäste (Namika, MoTrip, Kollegha, Farid Bang) vom Follow-Up „Euphoria“ nahelegen, ist die Mission dieses Mal größer als Auskennerprops und Festival-Slots einzustreichen. „Jubelnde Fanbase, Trubel entsteht/ Frauen, sie machen den String zur Seite, wie Google Translate“, heißt es auf dem dramatischen Opener „Denkmäler“. Man muss nicht gleich bedeutungsschwangere Vokabeln wie „Gameübernahme“ oder „Thronfolge“ bemühen, um festzustellen: Ali As will es jetzt wissen.

Dafür haben seine In-House-Producer Eli und David Rouff, die auch dem gläsernen Synthie-Spiel von „Amnesia“ die entsprechenden Surround-Tonfarben anstrichen, abermals ein stilistisches Breitbildformat ausgerollt. Seelig-süße Sample-Schnitte, bissige Arpreggiators oder himmelweite Hall-Synths treffen auf Drumsetting-Sorgfalt und tiefberauschte 808s. Auffällig ist, dass sich etwa trappige Grusel-Grime-Anleihen wie „Monstertruck“ oder auch das träumerische Ambient-Wolkenspiel „Ferienhaus“ zwar vordergründig am instrumentalen State-Of-The-Art orientieren, doch mit einer eigenständigen Zeitlosigkeit liebäugeln. Je nach Stimmungslage kann man das als finale Professionalisierung des Sound-Entwurfs seiner 2013er EP „EMWIMO“ einordnen – oder es Pop nennen.

Je nach Stimmungslage kann man „Euphoria“ als finale Professionalisierung des Sound-Entwurfs von Alis 2013er EP „EMWIMO“ einordnen – oder es Pop nennen.

Was ihn von vielen Rappern unterscheidet, die sich moderner Herangehensweisen verschrieben haben: Ali muss keine Rollen bedienen, er ist anpassungsfähig. Linkshändig holt er den inneren Großstadt-Cowboy auf der eine leichtfüßige Saloon-Hymne „Lass Sie Tanzen (Square Dance)“ raus, wenn er nicht gerade das Betonskelett im Metropolenmoloch auf „1 Mio Psychos“ sozialkritisch seziert oder an der Seite MoTrip eine sprachverspielte Traumreise („Stempel im Pass“) unternimmt. Eierschaukelnder Gänsehaut-Spitter oder weltschmerzlicher Trauerkloß? Ali ist beides: arrogant genug, um zu überzeugen, real genug, um sich nicht in Ironie zu verstecken und sympathisch genug, um nicht auf die Nerven zu gehen. Da ist es auch verzeihlich, dass sich teilweise sehr skrupellos am Radiosong-Reißbrett abgearbeitet wird (Reggae-Anleihen für den Sommerhit in spe, Kinderchor für die Stadionatmosphäre, Big Name-Features für die eigene Reputation). „Euphoria“ ist massentauglich, aber nicht anbiedernd. Denn zwischen allen Singsang-Brücken und ungewohnt offenherzigen Gesangseinlagen verstecken sich immer noch Insider-Jokes und cypher-geschulte Deliverykünste. „Deren Flow ist monoton, ich hab’s in den Chromosom’ / Schau auf die Szene runter ohne GoPro-Drohn’“. Ali-Alben machen einfach Spaß.

So ist „Euphoria“ handwerkliche Perfektion, die in Puncto Songwriting und Produktion in hiesigen Breitengraden selten so bemerkenswert niveauvoll harmoniert. Doch leider ist Alis Fachgebiet, lyrische Überraschungsmomente und schamlose Eingängigkeit aus der Feder zu schütteln, vermutlich wieder nicht simplifiziert genug, um die Leistung mit entsprechenden Lorbeeren zu löhnen. Eine Top-Chartplatzierung der Herzen ist aber reserviert.