HipHop trägt Air Max

Warum man die Luft in der Sohle des Air Max sehen kann? Weil Tinker Hatfield, der Designer all eurer Lieblingssneaker von Jordan bis Air Max, anno dazumal in Paris unterwegs war.

Dort besuchte er der Legende nach das Centre Georges Pompidou und ließ sich von dessen spezieller Architektur inspirieren: Rohre, Rolltreppen und auch sonst alles, was sich normalerweise IN einem Gebäude befindet, ist am Centre Pompidou einfach mal außen dran – die Technik bleibt nicht hinter der Fassade versteckt, sondern ist vielmehr ein wesentlicher Teil der Fassade. Und genau dieses Prinzip hat Hatfield 1987 auf den Air Max übertragen. Eine schöne Geschichte, wenn man sich denn für Design und/oder Architektur interessiert. Aber die kulturelle Bedeutung des Air Max ist eine völlig andere.

Air Max State of Mind

HipHop hat ein Faible für Sneakers – eine Binsenweisheit. Seit jeher hat sich die weltweit einflussreichste Jugendkultur Sportschuhe zu eigen gemacht. Für Otto Normalverbraucher mag ein Sportschuh ein Schuh sein, mit dem man Sport macht – für HipHop waren Sneakers schon immer mehr als das. Sei es die pure Notwendigkeit, sich als Breakdancer oder Graffitisprüher leichtfüßig über den Asphalt bewegen zu können oder als Subkulturcode, Statussymbol und Fashion-Statement - nahezu alles, was die notorisch kreative HipHop-Kultur in ihrer Geschichte an Outfit-Trends hervorgebracht hat, basiert auf einem flyen Paar Sneakers an den Füßen. Und dieses hat in den allermeisten Fällen Luft in den Sohlen.

Kriminell veranlagt und das von Geburt an / Ohne Rap hätt' ich 'ne AK und 'nen Turban / Air Max in jeder Farbe die es gibt / 'Ne 900 Euro Jeans trag ich aus Prinzip.“ – Bushido

„In meinen Augen könnten Air Max kaum krasser sein/Die passen perfekt zum Pflasterstein.“ Diese Zeilen stammen von Fler, einem der umstrittensten Rapper in Deutschland überhaupt. Aber egal, was man von seinem Schaffen sonst halten mag – diesen Satz würde wohl jeder unterschreiben, der sich in der urbanen Szene bewegt. Warum? Weil er den Nagel auf den Kopf trifft. Ob Hipstermädchen mit ironischem Jutebeutel oder Hardcore-Trainbomber, ob HipHop-Realkeeper, Straßenrap-Gangbanger, B-Boy oder early adoptender Sneakerhead, ob auf dem Pausenhof, im Club oder im Agenturmeeting – mit einem Air Max am Fuß ist man nicht nur perfekt für den Großstadtdschungel gewappnet, sondern man setzt ein so persönliches wie universelles Statement.

Seit 1987 zum ersten Mal sichtbar Luft in der Laufschuhsohle verarbeitet wurde, hat sich in Sachen Air Max eine unfassbare Vielfalt entwickelt: Ernstzunehmende Nerd-Listen zählen über 60 Modelle, die in ihrer Ausgestaltung so unterschiedlich sind wie ihre Träger – aber die entscheidendes Features sind auch diejenigen, die die große Gemeinsamkeit herstellen und für die ungebrochene Beliebtheit in der urbanen Szene sorgen.

Da wäre zum einen die stets so sportliche wie gefährlich wirkende Silhouette des Air Max. Dazu kommt das physische Erleben des Sneakers: Jeder Air-Max-Träger weiß um den Einfluss, den diese legendäre Sohle mit Luftpolster auf die eigene Körperhaltung hat – man steht stabil, der Gang federt, man spürt schon nach wenigen Schritten eine gesunde Angriffslust in sich aufsteigen. Das Gefühl, sich in diesem Laufschuh auf Asphalt zu bewegen, ist das grundlegende Lebensgefühl der urbanen Kultur: Ich bin am Start. Ich bin selbstbewusst. Ich bin bereit für die Competition. Und das verkörpere ich so sichtbar wie stylish.

Diggin' In The Crates

Dazu kommt: Die Digger-Mentalität, der Drang zum individuellen Ausdruck und die Bereitschaft, nach Musik, nach Klamotten, nach Sneakers zu forschen, die sonst keiner hat, macht aus jedem HipHop-Head früher oder später auch einen Air-Max-Connaisseur. Schließlich ist die Air-Max-Historie voller Nuggets, die man erjagen und sich voller Stolz ins Sneaker-Regal stellen kann – und dank der ungebrochenen Beliebtheit klassischer Modelle wie Air Max 1 oder Air Max 90 kommen permanent neue Colorways oder mittels neuer Materialien upgedatete Fusion-Versionen dazu.

"Manchmal stell ich mir vor, wie wäre mein Leben in Nador / Statt Air Max barfuß / Morgens Hunger statt Cartoons." – Abdi

Warum sich der Air Max in HipHop-Kreisen zu dem Kult-Sneaker schlechthin entwickelt hat, hat also Gründe, die über reine Fashion-Befindlichkeiten weit hinausgehen. Kein Wunder, dass er nicht nur an nahezu jedem Rapperfuß zu finden, sondern auch der meistreferenzierte Sneaker im Rap überhaupt sein dürfte. Und in den meisten Fällen geht es dabei nicht nur darum, das Rapperklischee zu erfüllen und einfach mal schamlos damit anzugeben, was man für geile Sneakers hat. Der Begriff „Air Max“ ist im Rap immer mit einer bestimmten Bedeutung aufgeladen: Harris und Marsimoto nennen einen gemeinsamen Song über ihren Party-Lifestyle „Morgens Aronal, abends Air Max“ - und jeder Rap-Fan weiß sofort, dass „Air Max“ hier als Chiffre für den urbanen Clubabend funktioniert.

"Ich mag Modelle wie Nike Air Max/Das ist der Gangbang-Schuh Number One/Ich hab leider nie ein Paar von meiner Mama bekommen/Sie waren zu teuer/Ich musste hustlen für meine Sneaker/Und tickte '98 Graspäckchen per Beeper." – Prinz Pi

Jan Delay hat dem Air Max einen eigenen Song gewidmet und damit seinen Ruf als geschmackssicherer und kredibiler Sneakerhead auf Jahre gefestigt - selbst wenn man den Hamburger mittlerweile eher mit Anzug und Lackschuhen assoziiert. Und wenn „Sneakerking“ Prinz Pi über den Air Max rappt, dann gibt es gleich noch eine subkulturelle Lektion über dessen Bedeutung in Straßenkreisen mit auf den Weg: „Das ist der Gangbang-Schuh Number One/Ich hab leider nie ein Paar von meiner Mama bekommen - sie waren zu teuer.“

Street Credibility

Es ist nämlich wirklich so: Der Sneaker mit dem komprimierten Stück Erdatmosphäre in der Sohle funktioniert auf der Straße als Statussymbol. Wer Air Max trägt, kann sich offenbar was leisten – implizit aus Gründen, die einem als Gangster bzw. Gangster-Rapper gut zu Gesicht stehen, aber wenn möglich nicht vor Gericht thematisiert werden sollten. Und in dieser Bedeutung verwenden Straßenrapper den Sneaker auch gern in ihren Texten. Bushido protzt ganz unverblümt damit, dass er „Air Max in jeder Farbe, die es gibt“ besitzt, und erwähnt im selben Atemzug „900-Euro-Jeans“, die er „aus Prinzip“ trägt.

In Sidos „So wie du“ ist der Air Max eines der typischen Status-Accessoires eines Heranwachsenden, der seinen kriminellen Vorbildern auf der Straße nacheifern will: „Er schaut immer schon hinauf zu seinem Bruder/Hat schneeweiße Air Max an, genau wie sein Bruder/Mittlerweile ist er auch schon drauf wie sein Bruder/iPhone geklaut und dann verkauft, wie sein Bruder.“ Und Abdi vom Frankfurter Straßenrap-Duo Celo & Abdi nutzt den Air Max als Erklärung dafür, was der vielzitierte Migrationshintergrund tatsächlich bedeuten kann, wenn die Eltern aus der dritten Welt kommen: In Marokko, so Abdi, trüge er „statt Air Max barfuß“.

"Er schaut immer schon hinauf zu seinem Bruder/Hat schneeweiße Air Max an, genau wie sein Bruder/Mittlerweile ist er auch schon drauf wie sein Bruder/iPhone geklaut und dann verkauft, wie sein Bruder/Kein Bock mehr auf die Klasse und die Lehrer wie sein Bruder/Er ist eher auf der Straße, da kennt jeder seinen Bruder."
– Sido

Sichtbare Luft in der Sohle – das war anno 1987 einfach nur eine wahnsinnig gute Idee, um Schuhe an Menschen zu verkaufen, die gern joggen gehen. Und angesichts der auch 2015 nicht abreißenden Weiterentwicklung des Sneakers ist das offenbar auch weiterhin eine gute Idee. Für HipHop ist der Air Max jedoch viel mehr: eine subkulturelle Ikone zum Anziehen.