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Ahzumjot

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Verdammt gut dramatisch

Durch die Wüste wandert ein Gestikulierender. Irgendwie ist er zu schick angezogen für die herrschenden Temperaturen. Ich stelle mich ihm in den Weg, will wissen, weshalb er diese Fuchtelbewegungen macht. Er unterbricht sein Tun, steht starr in der flimmernden Sonne, wie eine Statue, die ein Künstler abgestellt und vergessen hat. Dann bewegt sich sein Mund. Eine Melodie quillt heraus, unterfüttert mit folgenden Worten:   →

»Doch ich sag, es ist gut wie es ist
Und hör dir gar nicht zu,
wenn du sprichst
Und sehe gar nicht hin, wenn du den Weg zeigst Ich leb für die Ewigkeit«
–Es ist gut, wie es ist

Vor drei Jahren erschien ein Video namens „Sepia zu Gold“ und Alan Julian Asare auf der viralen Bildfläche. Der „deutsche Kanye, der deutsche Pharrell“, „aussehend wie Kid Cudi“, spritze mit Gold um sich, wie andere mit Swag, ließ sich von seiner Mutter bewirten und machte auf dem Debütalbum „Monty“ generell alles anders als der restliche Rapzirkus.

Auf selbstgebastelten Beats, Dubstep-Synthie-808-Irgendwas-Chimären, die sich partout nicht auf Melodien und Konventionen einlassen wollten, berichtete er von der sich anbahnenden Perspektivlosigkeit einer ganzen Generation. Ahzumjot hatte endlich sein Profil gefunden, die vorherigen Gehversuche waren genau als solche zu verstehen: Tracks wie "Wohnzimmercouch"

unter dem Namen Ajay, "Schlechte Menschen" mit P.r.z. oder der Bardengesang „L.A. Bitches“ waren Experimente Richtung ernsthafter Kunst. "Monty" schlug ein, der Plan ging auf, es wurde fleißig gehypet. Und dann geschah… nichts.

»Wenn man etwas rausbringt, aber gar keinen wertigen Output hat, ist es Verarsche an den Fans.«

„Ich finde, nur aus dem Grund, weil über einen geredet wird, sollte man nicht auch noch selbst über sich reden. Besonders, wenn man in dem Moment gar nicht mehr zu erzählen hat, außer, dass Leute über einen reden. Wenn man etwas rausbringt, aber gar keinen wertigen Output hat, ist es Verarsche an den Fans. Dann habe ich das nicht herausgebracht, weil ihr Bock darauf haben könntet,

sondern weil ich gerade meine Zeit nutzen will“, beschreibt er selbst das konsequente Fernbleiben von Interviewmarathons und das Verneinen von Freetrack-Orgien à la Money Boy. Ein gemeinsamer Track mit Lance Butters, der den Support zur „Keine Sorge Mama Tour 2012“ spielte, ansonsten herrschte Stille um die Vita. „Ich habe wirklich nur Musik gemacht. Das ist alles, was passiert ist.“

»Im ganz verfickten Kreuzberg hast du Studio um Studio.«

Kunst benötigt einen Ort, an dem sie reifen kann und Berlin ist der strahlende Lichtkegel, zu dem die Künstler streben. Auch Ahzumjot hat sich mittlerweile dort eingefunden. „Im ganz verfickten Kreuzberg hast du Studio um Studio. In Berlin ist mein Produzent, mein Label, mein Management, mein Booking.

“Es war ein logischer Schritt.“ Erwähntes Label befindet sich neben Oberbaumbrücke und Spree, heißt Universal Music und ist so ziemlich die langhälsigste Giraffe, auf die man in der Musikindustrie treffen kann. Für Ahzumjot ein Siebenmeilenstiefelschritt auf der Karriereleiter,

vom „Monty“-Briefkastenschmeißer in die Riege der Major-Artists, auf denen ein besonderes Augenmerk liegt. Damit sich die Lücke in der eigenen Biographie möglichst geräuschvoll schließt, ist 2014 also „Nix mehr egal.“ Der coolste Motherfxcker ist back und ersetzt ein U durch ein X.

„Ich wollte mir die Zeit einfach nehmen, weil ich etwas machen wollte, mit dem ich mich selbst überraschen kann. Ich wollte sagen: Das ist meine Platte.“ Nun ist sie da, die neue Platte, und sie wird mit spürbar angewachsenem Selbstvertrauen beworben. Zeiten ändern dich, das wusste bereits Bushido. Frühere Textpassagen („Ich habe genau drei Fans, Ahzumjot, P.r.z. / Und einen, den man nicht kennt“) zeugten stets von einer großen Unsicherheit über die eigene Reputation.

Der unerwartete Erfolg des Kinderzimmerprodukts „Monty“, Tourneen mit Casper und Cro, der eigene Name im McDonalds-Burger und die Berufung des HipHop-Gurus Falk Schacht in die „Neue Reimgeneration“ sind jedoch nicht spurlos am 24-Jährigen vorübergegangen. Vielleicht ist der Hamburger mittlerweile das geworden, was er selbst verneint. Erwachsen. Einer, der „die drängenden Fragen einer Generation“ stellt, wie es so schön im Pressetext zu „Nix mehr egal“ lautet.

»Von harter Arbeit haben wir höchstens gehört
Die Zukunft in der Hand von verzogenen Görn.«
–Schlaraffenland

„Ich spreche mit vielen Leuten, die sagen: ‘Ich hab keine Ahnung, was ich machen soll‘. Das wissen die nicht, weil sie sich nicht mit sich selbst beschäftigen.“ Wenn man Ahzumjot auf seine Generation anspricht, gerät er nicht gerade ins Schwärmen. „Das große Problem ist, das alles egal scheint. ‘Unwissenheit ist ein Segen‘ ist der Konsens der Leute.“ Sein Lieblingsfilm ist „Matrix“, der Klassiker, philosophische Fragen vermischt mit Pengpeng und Explosionen.

Bezeichnend, dass Ahzumjot irgendwo zwischen Platons Höhlengleichnis und Hollywoodkino schwankt. Wie bei allen anderen Mittzwanzigern, die sich von Religions- und Glaubensfragen im herkömmlichen Sinne abgewandt haben, ist seine einzige Aussage: „Ich weiß nicht“. Er jedoch kann „Ich weiß nicht“ umformulieren, dem Gefühl eine Struktur geben. „Nix mehr egal“ ist der Status Quo eines Zweiflers. Ein Ausrufezeichen, getarnt als Fragezeichen. Oder andersrum.

»Ich liebe dich – kann jeder sagen Doch ich bin nicht jeder, du nicht die Andern Ich will dir was Schöneres sagen.«
–8701

„Wenn wir alt sind, was haben wir dann noch außer Tattoos, die vielleicht scheiße aussehen?“, fragt Ahzumjot und gestikuliert mit einer Hand, auf der die Zahlenfolge 8701 gestochen ist. Ein Albumtitel des R&B-Sängers Usher, zu dessen Klängen er seine Freundin kennenlernte. Beide tragen das Zeichen auf ihrer Haut. 8701 ist gleichzeitig ein Albumtrack, eine Liebeserklärung, in der die Angebetete mit Metaphern bedacht wird.

Sowohl auf Cros („Hey Girl“) als auch Tuas („Exil (Vergleiche)“) vergangenen Werken finden sich ähnlich konzipierte Stücke. Ahzumjot steht wieder zwischen den Stühlen, zwischen Pandamaske und tiefschwarzer Lederjacke. Darauf angesprochen definiert er die eigene künstlerische Haltung jedoch klar: „Mit Cro habe ich genau eine Sache gemeinsam: Wir machen Musik. Wenn die Leute es verstehen würden, wäre

Tua wahrscheinlich einer der größten Künstler dieses Landes.“ So aber dudelt im Berufsverkehr „Traum“ aus den Autoradios des Landes, während Tua und Ahzumjot ihr YouTube-Dasein fristen müssen. Diese Rollenverteilung kann von „Nix mehr egal“ bald aufgebrochen werden.

»Mit Cro habe ich genau eine Sache gemeinsam: Wir machen Musik.«

„Meine Stärken liegen darin, sich nicht anzupassen.“ Ahzumjots Affinität zu gebrochenen Beats bleibt. In Zusammenarbeit mit dem Produzenten Nikolai Potthoff, Bassist der Band Tomte, und seinem langjährigen Wegebleiter und Freund Levon Supreme entstand über eineinhalb Jahre ein Album, das noch immer vor unkonventioneller Attitüde strotzt, sich qualitativ aber mühelos vom Vorgänger „Monty“ abhebt.

„Ich habe gemerkt, dass ich als Musiker an meine Grenzen gestoßen bin. Ich bin eigentlich kein Produzent. Mein erstes Album habe ich auf eigenen Beats gemacht, weil es niemanden gab, mit dem man hätte zusammenarbeiten können. Dann wollte ich aber das Ganze auf ein nächstes Level bringen.“

»Werf alle Pläne über Bord und sie baden im Applaus,
schwimmen nur gegen den Strom und der Strand fällt heute aus.«
–Raumschiff

Ahzumjots Soundbild hat seinen völlig eigenen Charakter beibehalten, verweigert sich jedoch nicht mehr der schönen Zutat Melodie. „Exemplarisch ist die Nummer Raumschiff, wo der Beat atmosphärisch und ruhig beginnt. Dann kommt die Hook rein, mit einer ätzenden Synthie,

die völlig bricht, dann nochmal ein Break und dann läuft ein Piano und ich singe drüber. Warum macht man das? Weil wir es in dem Moment eben geil fanden.“ Das Ahzumjotsche Credo bleibt standhaft: Experimentieren. „Wir haben tatsächlich berechnend angefangen,

wurden gegen Ende der Produktion aber immer verspielter. Die ganzen Altnummern, bei denen wir gesagt haben »Das wird ein Riesenhit!« sind gar nicht auf dem Album gelandet. Es war sehr viel Rumbasteln. Sehr viel Frickelei.“

»Jeden Tag dasselbe Lied, das sie alle sing‘
Ich treffe keinen Ton, doch weiß wie es klingt«
Tag eins

Dennoch hat sich das Soundbild auch grundlegend verändert. „Es wird viel mehr mit Melodien und Chören gespielt. Das hat sich einfach so entwickelt, weil ich selbst Musik-Knowhow dazugewonnen habe. Als ich »Monty« gemacht habe, wusste ich nicht einmal, was ein Akkord ist. Deswegen konnte ich auf diesem Album gar nicht melodisch werden.“ Es passt zur Persona, dass Ahzumjot einen Tritt in

den Hintern benötigte, bevor er endlich seine eigene Ohrwurmzucht eröffnete. „Am Anfang habe ich mich gar nicht getraut zu singen. Ich dachte, ich kann das nicht. Ich habe mich vor Nikolai im Studio nicht getraut, sondern meinen Gesang zuhause aufgenommen und ihm im Studio gezeigt. Er meinte bloß: »Du kannst es doch!«"

»Scheinbar bin ich so anders, dass sogar Andere, Anderen, die anders sind, sagen, dass ich so anders bin«
Der coolste Motherfxcker

„Das Album ist nicht der Klassiker: Ich habe mir keinen Produzenten geholt, weil wir in die Charts wollten. Es ist in einem Team entstanden, hat aber noch immer die Naivität, die es vorher hatte. Nikolai ist wie ich ein Typ, der nicht berechnend an Musik herangeht,

sondern viel ausprobiert.“ Musikalische Verspieltheit und konsequentes Vorbeigehen an den Trampfelpfaden Richtung Verkaufsschlager scheinen sich letztlich doch auszuzahlen. Ladies und Gentlemen, der Mann hat Hits gemacht!

Dass sich das in unseren Breitengraden überhaupt noch jemand traut, ist aller Ehren wert. Wer weiß, vielleicht brauchte es erst Major-Gefilde, um aus dem 24-Jährigen das Potential herauszukitzeln, das in ihm schlummerte.

»Sie sagen „Fühl dich wie zuhaus, doch meinen „Mi casa no es tu casa Hier, wo keine deiner kleinen Ideen einen Platz hat«
–Zu Gast

Der goldene Käfig Deutschland macht es seinen Insassen nicht gerade leicht, sich rundum wohl zu fühlen. „Hier steht ‘Willkommen‘ auf der Fußmatte, doch da gibt’s noch das Kleingedruckte“, heißt es in Zu Gast. Sich nicht zu verlieren, zwischen preußischem Bürokratentum, Berliner Hedonismus, Twitter, Facebook und politischem Bewusstsein ist die Herkulesaufgabe unserer Zeit. „Nix mehr egal“ fungiert als Guckloch in den Verstand eines jungen

Mannes mit dem Künstlernamen Ahzumjot, einer von vielen, die unter diesem Zustand leiden. „Ja, geil, wir gehen demonstrieren! Aber wogegen gehen wir eigentlich demonstrieren? Ich weiß es nicht! Aber wir gehen demonstrieren!“ Ahzumjot fasst das riesige „Aber“, das so vielen auf den Kopf zu fallen droht, in Worte. Stringenz gibt es nicht mehr. „Ich will keine Regeln fürs Leben aufstellen. Ich verneine Regeln.“

»Hier klatscht man auf die 1 und das gern auch ohne Takt – Gefühl und Geschmack finden hier einfach nicht statt.«
–Zu Gast

Vielleicht tut man sich als nachdenklicher Mensch in Deutschland zwangsläufig schwer, seinem Leben einen Sinn und seiner Musik einen Pop-Anstrich zu geben. „Während des Schreibens lernt man viel über sich selbst“, sagt Ahzumjot, dessen Eltern sich trennten als er acht Jahre alt war. Der Track “Vier Minuten” ist eine Nacherzählung der eigenen Kindheit. „Sieh mich mit meinen Stiften am Marmortisch sitzen, zerbrochen in zwei Teile, ihr hattet wieder gestritten.“ Vielleicht muss deswegen auch das Klangbild gebrochen sein. Vielleicht will Ahzumjot deshalb nicht noch den x-ten Kassenschlager über die Leichtigkeit des Seins abliefern.

»Und das Plastikschild auf dem Tisch sagt: Gastfreundschaft verbindet.«
–Vier Minuten

„Es gibt Songs, die einem auf jeden Fall schwerer fallen. “Vier Minuten” war für mich nicht einfach zu schreiben. Ich habe mich davor geziert, hatte Angst, was ich über mich und meine Vergangenheit schreiben würde.

Es hätte aufwühlend sein oder etwas Unangenehmes dabei herauskommen können.“ Diese emotionale Hürde zu überwinden und sich künstlerisch mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen

verfehlt seine reinigende Wirkung jedoch nicht: „Ich kann das total offenlegen. Wenn ich mich selbst so sehr mit etwas beschäftigt habe, warum sollte es schwierig sein, es auszusprechen? Ich habe es verarbeitet.“

Berlin

Durch Zufall zieht Ahzumjot in Berlin direkt gegenüber des ehemaligen Elternhauses ein. „Mein Vater hat mir erzählt, wo er damals in Berlin gewohnt hat, in dieser und jener Straße. Ich dachte: Scheiße, die Adresse kennst du doch. Als ich es realisiert habe, bin ich in Tränen ausgebrochen.“ Familiengeschichte ist mit Sicherheit nicht der einzige Grund für die Entstehung eines notorischen Zweiflers. Doch aus welchen Mündern die Raumschiff-Zeile „Das kann nicht dein Leben sein!“ tatsächlich stammt,

kann wahrscheinlich jeder nachempfinden, der ernsthafte Ambitionen wagt, seinem Leben nicht dem „täglichen Gänsemarsch“ Richtung Büro zu widmen. „Dadurch, dass ich sehr viel für mich alleine war, hatte ich Zeit, mir über diverse Dinge Gedanken zu machen. So bin ich musikalisch und textlich geworden, was ich jetzt bin. Vielleicht bin ich so nachdenklich geworden, weil der familiäre Rückhalt nicht da war.“

»Jeden Tag dasselbe Lied, das sie alle sing‘ Ich treffe keinen Ton, doch ich weiß, wie es klingt.«
–Tag eins

„Je älter man wird, desto weniger hat man diesen Drang dazuzugehören...Glaube ich zumindest. Obwohl, eigentlich haben das immer noch viele. Eigentlich will der Mensch immer irgendwie dazugehören.“ Ahzumjot gehört irgendwie dazu

und irgendwie auch nicht. Er ist kein Hit-Lieferant, kein YouTube-Krepierer, nicht Cro, nicht Tua, sondern Ahzumjot – eine eigene kleine Schublade, mit viel Herzblut verziert. Vielleicht musste er einfach ein besonders gutes Album machen,

damit dieser Fakt endlich anerkannt wird. Vielleicht brauchte er erst einen Hit, gar mehrere. Vielleicht muss man „verdammt gut dramatisch“ sein, um aus der eigenen Wüste herauszufinden.
Vielleicht, vielleicht, vielleicht.