„Sagt mir einfach, wo die Presets sind, Alter!“ – Ahzumjot über Beatmaking

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Erst kürzlich bewies Ahzumjot mit der Kollabo-EP „Die Welle“ an der Seite von Lance Butters, dass er nicht nur zu den stilsichersten Rappern des Landes zählt, sondern auch die Handwerkskunst des Beatmakings beherrscht. Schon auf seinem Debüt „Monty“, sowie auf seinem Nachfolge-Album „Nix mehr egal“, der künstlerischen Radikal-Zäsur „Minus“ oder auch den diesjährigen Free Releases der „16Q“-Reihe hat der Hamburger Wahl-Berliner sich immer um die musikalischen Fundamente aus gebrochenen Melodie-Edits und verspultem Drumspiel gekümmert. Man merke: Ahzumjot ist ein echter Producer. Unser Autor Fionn Bir hat sich mit ihm über Hemmschwellen, Fruity Loops und gerippte Jay-Z-Instrumentals unterhalten.

Du hast dich von deinem Karrierebeginn an selbst produziert. Gab es eigentlich einen bestimmten Zeitpunkt oder Song, an dem du das beschlossen hast ?

Die erste HipHop-Platte, die ich gekauft habe, war die „Marshall Matters LP“ von Eminem. Da habe ich zwar auch die Beats geliebt, ich mochte aber eigentlich eher die Songs an sich – Eminem ist ja nicht so der geilste Produzent. Das muss man ja mal sagen können. Das erste Mal, dass ich wirklich ein Bewusstsein für Beats entwickelt habe und das mich auch auf instrumentaler Ebene abgeholt hat, waren tatsächlich die Beats von Timberland und Neptunes. Da dachte ich: „Krass, was man alles machen kann!“ Timberland hatte ja zum Beispiel immer diese Effekte auf seiner Stimme oder hat gebeatboxt während des Beats und irgendwelche Sounds dazu-arrangiert. Bei den Neptunes hingegen fand ich es immer wahnsinnig interessant, wie sie eigentlich – vor allem zwischen 2000 und 2006- fast immer dieselben Sounds benutzt haben und trotzdem spannend blieben. Verstehst du was ich meine? Zum Beispiel ist auf „You Don’t Have To Call“ von Usher die selbe Synthie-Line benutzt worden, wie auf „Caught Out There“. Es gibt auch diese ganz bekannte Neptunes-Snare, die seit „Lapdance“ auf dem „In Search Of“-Album von 2001 fast überall drauf war. Neptunes ist tatsächlich meine größte Referenz. Auch wenn ich natürlich nie ihre Sounds benutze.

Wie du ja bereits erwähnt hast, haben die Neptunes und auch Timbaland immer wieder bestimmte Rezepturen für sich entwickelt und ausgelotet. Hast du auch irgendwann so einen Moment für dich gehabt, wo sich eine Formel aufgetan hat?

Bei mir ist eine ganz krasse Trademark, ein Beat-Switch am Ende eines Songs. Das sagen alle mit denen ich zusammenarbeite, alle die meine Beats und meine Songs hören. Das hat sich einfach so durchgezogen. Ich finde es einfach geil, wenn sich ein Beat beziehungsweise ein Song nochmal komplett verändert. Ob es die Stimmung oder plötzlich eine andere BPM-Zahl ist. Ich mag es einfach, wenn man nochmal komplett mit den Erwartungen bricht. Da wurde ich extrem von Kanye beeinflusst, denke ich. Der hat das ja schon relativ früh gemacht. Also, dass Songs nochmal komplett um 180 Grad gewendet wurden in den letzten zwei Minuten. Das ist im ersten Moment gar nicht so zugänglich, auch weil meine Songs dadurch oft vier oder fünf Minuten lang werden. Aber ich mag das einfach unfassbar gerne.

Monty“ hat sich damals sound-technisch auch vom allgemeinen Konsens im Deutschrap abgegrenzt. War das eine bewusste Abgrenzung?

Null! Es war nicht so, dass ich etwas anderes komplett Neues machen wollte. Ich hatte nie bewusst vor, mich abzuheben. Damit gibst du dir ja auch mehr Grenzen auf, als du dir eigentlich nehmen willst. Wenn du von vornherein sagst: „Ich habe jetzt diesen einen Plan“, dann machst du damit schon etwas, was eigentlich gar nicht mehr frei ist. Deshalb arbeite ich auch super gerne erstmal alleine in meinem Kabuff. Da traue ich mich einfach mehr, alleine schon bei Aufnahmen. Zum Beispiel gibt es auf „16QT02: Trag Drei“ diesen Song namens „Atmen“. Den habe ich geschrieben, produziert und erst nach dem Aufnehmen gedacht: „Oh Gott, was hab ich da eigentlich für Müll gemacht?“ Ich fand den richtig schlimm. Dann habe ich den trotzdem gemischt und einfach weitergemacht, obwohl ich noch immer gedacht habe, dass das voll der Scheiß ist. Diesen Track habe ich alleine aufgenommen, nur für mich. Da habe ich mich, in dem Sinne, etwas „getraut“. Ich haben den Track auch erst gefühlt, als ich am nächsten Morgen Fahrrad gefahren bin und den auf Kopfhörern drauf hatte. Mittlerweile ist es tatsächlich sogar einer meiner Favoriten auf dem Ding – ich sage jetzt bewusst „Ding“ und nicht Album. Ich glaube, wenn ich bei den Aufnahmen mit jemandem zusammen gewesen wäre, hätte ich direkt nach dem ersten Part gesagt: „Nee, lass mal. Lass uns das verwerfen.“

Der eigene „Wackness“-Filter ist also viel ausgeprägter in Gesellschaft…

Genau, ich habe mir ja beim Aufnehmen selbst schon gesagt, dass ich es grade nicht geil finde und aber trotzdem gedacht: „Ey, ich ziehe das jetzt durch“. Mit jemanden daneben wäre es einfach nur unangenehm für mich geworden. Du traust dich dann auch nicht weiterzumachen, weil du selbst schon weißt, du findest das gerade nicht gut.

Hast du mal in einer WG gewohnt?

Nein, noch nie.

Wenn du in deinem WG-Zimmer aufnehmen würdest, gäbe es ja auch eine bestimmte Hemmschwelle. Angenommen, deine Mitbewohner hören mit, wenn du gerade etwas ausprobierst, von dem du selbst eventuell noch gar nicht weiß, ob es cool ist oder überhaupt funktioniert…

Ich wohne halt mit meiner Freundin zusammen und tatsächlich ist es genauso. „Atmen“ ist da wieder ein gutes Beispiel: Ich produziere immer tagsüber – obwohl viele denken, ich mach meine Musik nachts komplett auf Kiff. Ich kiffe gar nicht. Ich trinke auch nie Alkohol, wenn ich Musik mache. Ich mache Musik echt meistens tagsüber, weil ich dann diese Freiheit in meinem Raum habe – dann bin ich in meiner „Zone“. Das ist echt ein bisschen esoterisch: Die Musik ist in dem Moment meine Droge. (Gelächter) Das klingt richtig ekelhaft, ich weiß. Aber sowas wie „Atmen“ traue ich mich nur, wenn ich alleine bin und meine Freundin arbeiten ist. Sobald sie nach Hause kommt, mache ich keine Musik mehr und den Rechner aus. Oder ich sage ihr, sie soll sich zwei Räume weiter gehen, einen Film oder eine Serie angucken. Aber bitte nicht im selben Raum und auch nicht in der Küche, die direkt nebenan ist.

Ich recorde, mische und mastere mit Adobe Audition – eigentlich ist es komplett dilettantisch, was ich tue.

Ahzumjot

Was war bei dir eigentlich zuerst da: Rappen oder Beats machen?

Auf jeden Fall Rappen. Mit Beats habe ich eigentlich aus dem einfachen Grund angefangen, dass ich kein Geld für Produzenten hatte. (Gelächter). Das ist wirklich genau so gelaufen! Darum habe ich mir auch Mixing und Mastern beigebracht, einfach stumpf aus Geldmangel.

Womit hast du denn angefangen? Man muss sich ja auch erstmal über Soft- und Hardware informieren.

Das Erste, womit ich ein bisschen herum-probiert habe, war Magix Music Maker. Das war so ein Baustein-Programm, womit du nicht so viel machen konntest. Du konntest im Prinzip immer nur denselben Drum-Loop nehmen und hast ihn auf den immer selben Piano-Loop gelegt – Malen nach Zahlen, sozusagen. Irgendwann habe ich andere Leute gefragt, was die so benutzen und bin bei Reason gelandet. Das hat mich aber komplett überfordert. Reason hat ja auch diese komische Oberfläche, auf der du das Rack umdrehen und die Kabel umstecken kannst. Bruder, ich weiß nicht mal, wie man an den echten Dingern die Kabel so umsteckt, dass es Sinn ergibt! (lacht) Von dem analogen Scheiß habe ich sehr, sehr wenig Ahnung. Ich glaube, Tua produziert immer noch mit Reason – richtig krass, ich könnte das nicht. Irgendwann habe ich mich im Internet informiert und bin bei Fruity Loops gelandet. Damit konnte ich am Besten arbeiten und benutze das bis heute. Obwohl, das damals viele belächelt haben…

Ich wollte gerade sagen, du kommst ja auch aus einer Zeit, als es noch keinen Clams Casino oder Metro Boomin gab und viele Fruity Loops als Anfängerprogramm gesehen haben.

Das war halt das Krasse: Als die Leute gemerkt haben, dass die Beats immer besser und akzeptabler wurden, habe ich ihnen gesagt, dass ich mit FL Studio produziere. Viele meinten dann halt: „Okay, aber das Ergebnis scheint ja zu stimmen.“ Ich nehme auch immer noch mit Adobe Audition auf, mische und mastere damit. Ich sage ja selbst, dass das eigentlich komplett dilettantisch ist, was ich da tue. (lacht)

Welche Adobe-Audition-Version hast du denn – Apollo Brown benutzt ja sogar noch den Vorgänger Cool Edit Pro?

Das Aktuellste. Also, CC heißt es. Das ist jetzt nicht Adobe 1.5 , was man noch mit diesem Rappers.in-Tutorial kennengelernt hat. Mittlerweile wird es Logic auch immer ähnlicher. Ich weiß auch nicht, ich habe mich eben an meinen Scheiß gewöhnt. Ich kenne auch Leute, die Fruity Loops sehen und denken: „Was ist das? Ich versteh das nicht!“ Ein Kumpel von mir wollte auch mal von Reason auf Fruity Loops umsteigen, weil er wusste, dass ganz viele Amis damit arbeiten – also, muss das ja besser sein. Aber er kam einfach nicht damit zurecht.

Hattest du denn von Anfang auch an ein Midi-Keyboard, Audio-Interfaces und andere ergänzende Hardware?

Ein Keyboard hatte ich erst richtig spät. Ich wusste auch erst voll spät, was Akkorde sind zum Beispiel.

Wie hat sich das entwickelt? Hast du am Anfang alles auf der Computer-Tastatur eingespielt?

Nein, nicht mal das! Am Anfang habe ich die Melodien einfach mit der Maus ganz billig in diese Piano-Roll eingetippt. Da habe ich Melodien gespielt, die eigentlich auch keine Melodien waren. (lacht) Meistens waren das einfach nur Läufe. Dann habe ich einen Bass dazugespielt, der eigentlich auch einfach nur den gleiche Lauf hatte. Bei mir war ein Akkord, einfach denselben Synthie noch einmal eine Oktave höher zu benutzen. Levon Supreme hat mir irgendwann gezeigt, wie Akkorde gespielt werden. Also, was überhaupt Dur und Moll sind. Das ging aber tatsächlich alles erst auf „Minus“ los. Auf „Monty“ wusste ich das alles noch gar nicht.

Wie ist dein Set-up denn heute aufgestellt?

Ich habe die ganz simplen KRK-5-Monitore, ein Focusrite Interface, 2I4 ist das, glaube ich, und ein Midi-Keyboard ohne Anschlagdynamik, das 50 Euro gekostet hat. Ansonsten mache ich auch viel mit Field Recordern. Ich hab einen Trick mit dem Soundwaver (ein portabler Bluetooh-Lautsprecher; Anmerk.d. Verf.) von Tua verraten bekommen: Du nimmst den Soundwaver und spielst darüber Musik von deinem Handy. Zum Beispiel, habe ich bei „Schwör’s Dir/Schwör’s Mir“ meine Vocals über den Soundwaver laufen lassen und diesen an meine Haustür gehalten. Im Treppenhaus habe ich parallel dazu den Field Recorder aufgestellt und den Hall davon aufgenommen. Diese Treppenhaus-Hall-Spur habe ich im Mix wiederum ein bisschen verzögert unter die ursprüngliche Spur gelegt. Dadurch hast du einen sehr trockenen Badezimmer-Hall – so als ob die Wohnung leer steht. Das Geile ist, dass ich das tagsüber gemacht habe und man auf der Spur Vogelzwitschern aus dem Hinterhof hört. Wenn man ganz genau hinhört, kommt zwischen den Zeilen ein „Tschiep-Tschiep“. Das klingt wie ein Synthie, aber: es ist Vogelgezwitscher.

Bist du denn so jemand, der auch technische Neuerscheinungen checkt oder musikalische Theorien studiert?

Ja, auf jeden Fall. Da hat aber auch viel Lev übernommen. Lev und ich haben immer einen sehr regen Austausch. Der ist eher so ein Typ, der sowas diggt oder sich Tutorials anguckt. Zum Bespiel, wie ein James Blake das und das Plug-In verbaut und daraus etwas Eigenes gemacht hat. Ich habe nicht die Geduld dafür und frage dann immer ihn, ob er mir was zeigen kann.

Wie stehst du denn zu dieser Preset-Debatte – ist es akzeptabel, welche zu benutzen oder müssen es immer eigene Sounds sein?

Ich benutze gerne Presets und wandele sie dann um. Aber ich sitze nicht da und baue einen eigenen Synthie aus einer Sinuskurve. Das kann ich nicht, da drehe ich durch. Ich habe erst seit Kurzem Komplete Ultimate (Software-Synthesizer-Sammlung von Native Instruments; Anmerk. d. Verf.). Wenn du das zum ersten Mal aufmachst, denkst du nur: „Oh, mein Gott!“ Dazu habe ich mir Tutorials angeguckt und dann stand da: „Part 1 – The VERY Basics“. „Very“ auch einfach groß geschrieben. (grinst) Das ging schon zwölf Minuten lang und hat mit einer einzelnen Sinuskurve begonnen. Ich habe das nach fünf Minuten ausgemacht und dachte nur: „Sagt mir doch einfach nur, wo die Presets sind, Alter! Ich komme schon zurecht.“ Ich bin ganz krass nicht real, was das angeht. Es passiert aber relativ viel im Mischprozess. Ich versuche aus den einfachsten Mitteln, das Geilste für mich selbst zu machen. Ich will, dass es sich später nicht nach Preset-Geballer anhört.

Ich mache auch ab und zu Boom-Bap-Beats – ich bringe sie nur nicht raus.

Ahzumjot

Während du komponierst, hast du den Engineering-Teil also bereits im Auge – etwa, welchen Effekt zu später dazu mischst o.ä.?

Das passiert intuitiv. Ich weiß schon, was ich tue. Manchmal weiß ich, ich will etwas, das wie ein Rhodes Piano klingt, nehme aber bewusst einen Rave-Synthie. Wenn man die kompletten Höhen und Tiefen da rausnimmt und sich im Mittelbereich aufhält, hat man plötzlich etwas, dass wie ein Rhodes klingen könnte.

Du hast ja grade schon gesagt, dass du auf die Art und Weise nicht real bist. Mit dieser Crate-Digging-Kultur hast du also nicht viel am Hut?

Ich benutze schon manchmal Samples. Aber es ist nicht so, dass ich irgendwo Platten digge oder sowas. Ich suche mir Samples aus allem Möglichen zusammen. Ich sample mich auch viel selbst. Es gibt zum Beispiel „Fenster“ auf „16OT02“: da ist eine Stimme drin, die singt. Das bin ich. Ich hatte die Melodie im Kopf, als ich Zähne putzen war. Dann habe ich einen Field Recorder genommen und mir gesagt: „Okay, ich muss die Melodie im Kopf behalten, weil ich die gut finde“. An dem Tag kam Lev aus Hamburg zu mir und ich meinte gleich: „Bruder, ich habe eine geile Melodie, lass uns die benutzen!“ Ich weiß nämlich nicht, wie man die Noten dazu spielt. Am Ende habe ich mich doch dafür entschieden, das nicht mehr nachzuspielen, sondern diese Zähneputzen-Aufnahme zu sampeln. Ich habe kurz überlegt, ob ich das nochmal mit einem richtigen Mikrofon aufnehmen soll, aber habe mich dann auch dagegen entschieden.

Kannst du denn überhaupt mit diesem klassischen Boom-Bap-Sound etwas anfangen, viele haben ja mit diesem Sound begonnen?

Es gibt halt Leute, die das das richtig geil machen. Diese klassischen Nullachtfünfzehn-Dinger mag ich nicht so. Von wegen:“ Ich hole mir ein Drum-Loop, ich hole mir einen Sample und baue dann einen derben 90-BPM-Standard-Beat.“ Das sehe ich nicht mehr so, das kann man mittlerweile geiler machen. Wer das in Deutschland schon immer geil gemacht hat, – obwohl sich sein Sound mittlerweile auch verändert hat – war Dexter. Ich habe den zum ersten Mal beim Beat Fight wahrgenommen – beim zweiten Beat Fight war ich ja schon mit Lev dabei. Da hatte Dexter Sachen, die komplett Boom Bap waren, aber gleichzeitig auch total modern. Das ist eine geile Art – das ja auch eigentlich kein Boom Bap an sich mehr, sondern ein eigener Stil. Ich mache sowas aber tatsächlich auch ab und zu. Ich bringe das nur nicht raus, weil das kein Style für meine Songs ist. Ich hatte zwei Nummern auf „16OT02“: „Mein Bruh“ und „Skits“, der Song mit Mädness. Das waren ursprünglich beide eigentlich Boom-Bap-Beats. Ich habe aber gemerkt, dass die überhaupt nicht zum restlichen Konzept passen und sie dann nochmal überarbeitet. Das ist wie mit Trap. Man merkt auf „16QT02: Tag Drei“ ja durchaus, dass ich Trap-affin bin. Aber ich finde, sobald jemand den ganz simplen Scheiß macht, wird es langweilig. Ich meine, diese Standard-Trap-Beats, wo alle vier Takte der Ton hoch- oder runterswitcht und diese billigen Drums benutzt werden. Wenn jemand versucht, etwas nur auf Standardweise nachzubauen, ist es einfach nur langweilig.

Es gibt ja aber beim Produzieren durchaus Rezepte und Herangehensweisen, die funktionieren – Stichwort: „Die Hip-Hop-Formeln„. Lässt du solche musikalischen Steilvorlagen zu oder umgehst du sowas komplett?

Es ist kein bewusstes Umgehen. Ich weiß ja bis heute nicht, wie irgendwas funktioniert. Sonst wäre ich wahrscheinlich wahnsinnig erfolgreich – oder mindestens erfolgreicher. Ich bin ein komplett infantiler Typ, der da sitzt und zum großen Teil einfach nicht weiß, was er tut, aber dabei dann doch weiß, warum er es tut. Ich kann nicht sagen, was ein Rezept ist. Also, kann ich keine Rezepte befolgen. Ich keine Rezepte kenne. Ich kann das kaum erklären.

Woher kommt denn dann diese Musikalität überhaupt? Hast du eine musikalische Familie?

Nicht wirklich, ich hatte einfach Lust drauf und ein bisschen Langeweile. Ich wollte suchen, wo mein eigenes Talent liegen könnte. Ich habe ein bisschen geskated, da hatte ich aber kein Talent für. Dann habe ich Basketball probiert und hatte da auch kein Talent. Naja, Sport ist vielleicht einfach nicht meins. Ich war aber schon immer sehr kreativ. Ich habe viel gezeichnet früher und irgendwann Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben. Also, wir reden echt von früher, als zwölf Jahre alt war oder so – das ist lange her. Irgendwann hat mir diese Reimform gefallen. Ich habe mich immer für Rap begeistern können und diese Reimketten hatten es mir angetan, deswegen hatte ich die auch von Anfang an. Ich habe wirklich mit klassischen Battlerap angefangen. Zu produzieren und das ganze Musikalische kam, wie gesagt, nur aus der Not heraus, weil ich keine Kohle hatte. Ich wollte eigene Beats. Irgendwann war es einfach langweilig „Jay-Z „Dirt Of Your Shoulder“-Instrumental“ bei eMule einzugeben. (Gelächter). Der erste Schritt war echt, Beats zu laden. Der zweite Schritt war: Du hast einen geilen Song gehört und dann darauf gehofft, das am Lied-Ende vielleicht vier Takte freistehen, die du loopen kannst. So habe ich angefangen.

Wie ist denn deine normale Arbeitsweise beim Produzieren heute?

Ich hab einen Windows-Laptop, um meine Beats zu bauen – weil Fruity Loops immer noch nicht für Mac rausgekommen ist. (allgemeines Grummeln) Dann habe ich noch einen Mac, mit dem ich aufnehme, weil der stabiler läuft. Ich habe allerdings Auto-Tune nur auf dem Windows-Rechner. Wenn ich also Auto-Tune brauche, nehme ich die Spuren im Mac auf, exportiere die Vocals, lade sie ins Windows, mache Auto-Tune rauf und ziehe danach die Spuren zurück auf den Mac.

Technik kann man lernen, aber mit Kreativität hat das nichts zu tun.

Ahzumjot

Du kommst ja aus dem Home-Recording und bist mit dem zweiten Album „Nix mehr egal“ in ein großes Studio gegangen. Hast du verstanden, was da vor sich ging? Hat dich das beeindruckt?

Das Studio von Nikolai Potthoff (Deutschrock-Musiker, der u.a. die ehemalige Punk-Band Muff Potter oder Leslie Clio produziert hat und Ahzumjot bei seinem Major-Debüt „Nix mehr egal“ co-produzierte; Anmerk. d. Verf.) hat gar nicht solche kilometerlangen Mischpulte. Der hat ein ziemlich vercracktes Studio eigentlich. Die Musik, die er macht und produziert, wenn er für sich alleine Sachen schraubt, ist auch wirklich komplett verrückt. Also das ist teilweise so Banane, dass ich das selbst nicht verstehe, was da passiert. Ich war aber in letzter Zeit ab und an bei Busy im Studio. Das ist echt ein Fünf-Sterne-Hotel, was das Produzieren angeht. Ich find das da alles sehr beeindruckend, auch wie er arbeitet. Da kann man wahnsinnig viel lernen. Ich meinte auch zu ihm, ich würde gerne vorbeikommen und gucken, wie er einige Sachen macht, um sie dann in meine Sprache zu übersetzen. Also, das zu Hause mit meinen kleinen Mitteln adaptieren, ohne dabei dasselbe Resultat zu erreichen. Ich hab in dieser Zeit beim zweiten Album handwerksmäßig und technisch Sachen gelernt, die ich dann wiederum bei „Minus“ verwendet habe. Das hört man aber nicht direkt raus. Das sind einfach nur Kniffe und handwerkliche Sachen. Ich lerne einfach super gerne von Leuten.

Als Producer hat man ja auch bestimmte Phasen, wo man bestimmte Sachen feiert. Vor zehn Jahren waren es zum Beispiel die Kanye-Bongos, seit Kurzen sind es die Snare Rolls – Gibts da auch so Phasen bei dir?

Natürlich gibt es krass viele Phasen. Ich hatte auch eine Dubstep-Phase. Mittlerweile hasse ich Dubstep. Dann hatte ich noch eine Phase bei „Nix mehr egal“, wo ich wollte, das alles nach Stadion, Coldplay, Chören und echten Instrumenten klingt. Mittlerweile bin ich ein bisschen in so einer Low-Fi-Phase, wo ich will, dass manche Sachen nicht ganz im Takt sind oder die Melodie nicht ganz stimmt und ich mich verspiele. Manchmal verspiele ich mich und merke: „Hm, okay, die Note könnte sogar noch ekliger klingen“. Dann packe ich die nochmal woanders hin. Sowas mag ich extrem, ich kann aber nicht genau sagen, woher die Inspiration dafür kommt.

Hast du mal in Erwähnung gezogen, die SAE oder die Deutsche Pop zu besuchen?

Ja, als ich 16 Jahre alt war. Aber ich habe mir mal Sachen von Leuten aus meiner alten Schule angehört, die dort waren, und dachte: „Wow, Alter!“ (Gelächter) Oh Gott, das klingt jetzt richtig Diss-mäßig. Bestimmt brauche ich die Leute irgendwann nochmal. Nein, Spaß, ich werde niemals Jemanden brauchen. (lacht) Aber ich glaube, du kommst nicht an deinen eigenen Sound, wenn du etwas beigebracht kriegst und das so übernimmst. Ich kann mich nicht mit dir hinsetzen und dir sagen: „So und so schreibt man Texte!“ Das hat mit mir ja auch niemand gemacht. Ich habe mir das alles selbst beigebracht und bin auch oft genug gescheitert. Ich musste dafür aber keine Klausuren schreiben. Ich glaube auch, nur so kommst du an dein Ziel und erreichst einen eigenständigen Sound. Ich bin auch immer noch dabei meinen Sound zu finden und das wird wahrscheinlich auch noch eine Weile dauern. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das, was ich tue, aber auf jeden Fall 100% Ahzumjot. Wie gesagt, ich lerne gerne von Anderen. Aber diese Ausbildungen und Lehrgänge tragen in meinen Augen nicht dazu bei, etwas Sinnvolles zu erreichen. Es sei denn, du willst wirklich nur technische Sachen lernen. Technik kann man lernen, aber mit Kreativität hat das nichts zu tun.

Ahzumjot ist ab dem 20. November 2016 mit Lance Butters auf Tour. Weitere Infos bekommt ihr hier.