6lack: „Verletzlich zu sein, bedeutet bessere Musik.“

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6lack hat schon mehr erlebt, als man denkt. Bereits 2011 unterschrieb er einen Vertrag bei einem anonym bleibenden Label, das einzig und allein auf Hits pochte und keinen Fick auf seine Vorstellungen und Visionen gab. Als der Erfolg und somit das erhoffte Geld ausblieb, war er zeitweise sogar wohnungslos und lebte aus dem Rucksack. Erst im November letzten Jahres erhob er sich wie der Phönix aus seiner Asche, um bei Interscope seinen Erstling „Free 6lack“ auf uns loszulassen. Gott sei Dank, denn wir bekommen nicht mehr genug von seinem verletzlichen, ehrlichen R&B. Düstere, verschrobene und mysteriöse Vibes gehen mit seiner rauchigen Stimme und tief rollenden Bässen einher, während sich der 24-jährige durch unangenehm ehrliche Geschichten seiner Vergangenheit windet. Unsere Autorin Nina Nagele traf 6lack vor seinem Berlin-Konzert, um mit ihm über sein Debütalbum, Wahrheit und den Einfluss von Atlanta auf ihn zu sprechen.

Foto: Nina Francesca Nagele

Foto: Nina Francesca Nagele

Die Leute hinter dem Record-Label, in dem du eine Zeit lang festgesteckt hast, haben deine Vision nicht verstanden. Aber was genau ist deine Vision?

Ich glaube meine Vision war immer schon einfach eine gewisse Substanz in meiner Musik zu haben. Und sicher zu gehen, dass egal, was ich erzähle, die Menschen etwas fühlen. Manche Labels legen nur wert auf Schlagworte wie „Popular“ oder „Radio“ enthalten, die sie auch sehr schnell in den Vordergrund rücken. Für mich war es aber viel wichtiger, dass die Menschen etwas aus meiner Musik mitnehmen können.

Du hast in deinem Leben ja schon viel erlebt. Da war diese Sache mit dem unseriösen Vertrag, weshalb du auch eine Zeit lang keinen festen Wohnsitz mehr hattest, und du bist gerade Vater geworden. Welche Rolle spielte Musik in dieser ganzen Zeit?

Musik war mein Leitfaden durch jede einzelne Situation, Beziehung und Künstlerphase, die ich jemals erlebt habe. Egal, wo ich im Leben gerade stand – von der Grundschule übers College bis zu dem Punkt, an dem ich gerade bin. Musik war immer die Konstante in meinem Leben, sie half mir alles durchzustehen.

Du hast erzählt, dass du manchmal daran gedacht hast aufzugeben. Was hat dich dazu gebracht, weiter zu machen?

Das waren Momente, in denen ich mir die Frage stellte, ob sich das alles überhaupt lohnt. Aber die Leute um mich rum haben mich immer dazu inspiriert weiter zu machen. Ich hatte das Gefühl, dass alles, was ich mache, genau so sein soll. Es passierte nicht, weil ich dachte, dass es passieren wird, sondern weil es bestimmt war. Es war immer ein Teil meines Lebens und es fühlt sich so an, als würde es immer ein Teil meines Lebens bleiben. Ich musste einfach nur machen.

Deine Musiklaufbahn begann ja mit Battle-Rap, jetzt machst du düsteren, trappigen R&B. Wie bist du vom Einen zum Anderen gekommen?

Ich glaube, Battle-Rap hat mir die notwendigen Werkzeuge und Fähigkeiten gegeben, um später gute Songs zu machen. Bei Battle-Rap geht es darum, was du sagst. Diese Eigenschaft wollte ich zwar beibehalten, aber verändern. Ich wollte zwar die gleiche Bedeutung, aber mit weniger Worten und mit einem anderen Feeling. Ich glaube, das gab mir genau das, was man braucht, um ein guter Songwriter zu werden. Dann musste ich nur noch lernen, gute Songs zu machen.

Wie war es denn, als du das erste mal nach dem unseriösen Record-Deal Musik releast hast?

Das war wie ein Atemzug frischer Luft. Ich habe vier oder fünf Jahre in diesem Vertrag festgesteckt. In dieser Zeit habe ich unglaublich viel Musik aufgenommen, die wahrscheinlich niemals jemand hören wird. Ich musste durch hunderte Songs gehen, um endlich an einen Ort zu kommen, an dem ich mich wohl fühle. Es war großartig, als ich Musik veröffentlichen konnte und die Menschen endlich meine Songs hören konnten. Darauf habe ich so lange gewartet.

Wieso hast du denn die Musik nicht releast, die du damals gemacht hast?

Disziplin. Wenn ich nicht das richtige Team hinter mir stehen habe, will ich auch nicht zu viel auf eigene Faust machen. Ich will niemanden spoilern und einfach alles raushauen. Ich will Musik machen, die ich dann auch wirklich besitzen kann und die nicht einfach nur irgendwo durch’s Internet fliegt. Außerdem wusste ich, dass etwas besser wird, je länger man daran arbeitet. So sehr ich es auch veröffentlichen wollte, im selben Momente wusste ich, dass ich besser werde, und dass später ein besseres Team hinter mir stehen würde. Also habe ich gewartet.

Freiheit bedeutet, nicht dauernd Entscheidungen zu treffen, die darauf basieren, was andere Leute sagen oder fühlen.

6LACK

Free 6lack“ ist unglaublich persönlich. In einem anderen Interview sagst du, dass jedes einzelne Wort auf dem Mixtape wahr ist. Warum ist es dir so wichtig, deine Geschichte zu erzählen?

Ich glaube an dem Punkt, an dem wir uns musikalisch gerade befinden, gibt es nicht sehr viele Menschen, die ihre Geschichte erzählen und es gibt nicht wirklich viele Künstler, die eine direkte Verbindung zu ihren Hörern haben. Viele Musiker sprechen immer über die selben Themen, seien es Drogen oder Geld. Das ist natürlich auch alles schön und gut, ich liebe jede Art von Musik. Spaß ist Spaß, und ich liebe den Vibe. Aber es gibt nicht so viele Menschen, die sagen: „Hey, ich verstehe was du gerade durchmachst. Ich habe das auch durchgemacht. Hier hast du, was du brauchst, um es durchzustehen.“ Wir Menschen brauchen das Gefühl, verstanden zu werden. Ich glaube, genau darin liegt die Schönheit von „Free 6black“. Ich habe meine Geschichte erzählt, ich habe die Wahrheit erzählt und die Menschen reagieren darauf.

Hattest du manchmal Angst, dass du zu viel von dir preis gibst?

Nein, eigentlich nicht. Normalerweise bin ich sehr schüchtern und zurückhaltend. Ich behalte eigentlich immer alles für mich und versuche, alles für mich selbst herauszufinden und damit umgehen zu lernen. Meine Musik ist also der einzige Ort, an dem ich wirklich einfach aussprechen kann, was ich denke. Egal, ob ich etwas falsch gemacht habe, jemand anderes etwas falsch gemacht hat oder es sich um eine schöne oder beschissenen Situation handelt. – Es ist der einzige Ort, an dem ich mich ausdrücken kann. Ich glaube, verletzlich zu sein, bedeutet bessere Musik und bessere Fans.

Der Titel deines Mixtapes klingt wie ein Statement. Was bedeutet er?

Das Projekt dreht sich darum, dass ich mich für viele Jahre abgeschottet gefühlt habe – ob von mir selbst oder von meiner Umwelt. Es bedeutet auch, frei zu sein von meinem alten Label, frei von meinen vergangenen Beziehungen und frei von meinen alten Denkweisen. Ich bin in einer Übergangsphase meines Lebens angekommen. Ich spreche auf „Free 6lack“ nicht über diese ganzen Sachen, weil ich sie immer noch durchlebe, sondern weil ich sie erlebt habe und nun an einem anderen Punkt in meinem Leben stehe. Freiheit bedeutet also, nicht dauernd Entscheidungen zu treffen, die darauf basieren, was andere Leute sagen oder fühlen. Und sich selbst auch manchmal an die erste Stelle zu packen.

Du bist in Baltimore geboren, bist aber in Atlanta aufgewachsen. Trotzdem klingt deine Musik nicht wirklich nach dem aktuellen ATL-Sound. Wie hat dich die Stadt als Künstler beeinflusst?

Atlanta hat so viele verschiedene Sounds, Vibes und Looks. Es ist egal aus welcher Stadt man kommt, man kann dem Vibe immer etwas Neues und Frisches beisteuern. Ich war schon immer schwer verliebt in Trap, Trap-Drums und -Melodien – das hat mich beeinflusst. Ich habe aber versucht, das mit anderen Wörtern und anderen Inhalten zu kombinieren und so mein eigenes Ding daraus zu machen. Atlanta hat eine Wirkung auf dich, die dich nicht mehr loslässt. Man hört in der Musik viel mehr als alle anderen – verschiedenste Einflüsse, gewisse vertraute Sachen oder einzelne Wörter. Ich glaube, es ist musikalisch gesehen ein verdammt guter Ort und es wird immer meine erste Inspirationsquelle bleiben.

„Free 6lack“ stellt dich als Person vor. Was kommt als nächstes?

Ich habe den Menschen auf diesem Projekt eine Zusammenfassung meiner letzten Jahre geliefert. Entweder gehe ich nochmal zurück und erzähle viel detaillierter, was ich durchgemacht habe. Oder ich spreche darüber, wo ich gerade bin. Das Ziel ist, so viel Musik zu machen, wie ich kann und dabei immer die Wahrheit zu erzählen. Und dabei niemals die direkte Verbindung zu den Menschen zu verlieren. Aber ja, ich arbeite eigentlich andauernd an neuem Kram. Ich habe schon zwei Wochen nachdem „Free 6lack“ rausgekommen ist, schon wieder an neuer Musik gearbeitet. Du musst immer irgendwas bereit liegen haben.

Zum Abschluss: Was geht mit Bam Bam, dem Bären auf deinem Cover und aus dem „Prblms“-Video?

(lacht) Zwei Tage am Set, um die 300 Kilogramm – es war genial. Am ersten Tag ist er eigentlich nur herumgestreunt, hat seinen Kopf geschüttelt und ist wieder gegangen. Jeder andere im Raum hat einfach nur die Luft angehalten bis er wieder weg war. Das machte er ungefähr 20 Mal innerhalb von sechs Stunden und wir haben dabei nie irgendwelche Aufnahmen bekommen, weil er keinen Bock hatte. Also haben wir am nächsten Tag an einem anderen Ort gedreht und haben neben dem „Prblms“-Video auch gleich das Cover geshootet. Da ich ja auch das Bären-Logo habe, musste ich irgendwann einem echten Bären face-to-face gegenüber stehen. Es war schlussendlich gar nicht so furchteinflößend, wie gedacht – es hat die Angst viel mehr relativiert. Zwar kann der Bär dein komplettes Set in wenige Sekunden zerlegen, aber gleichzeitig war er auch irgendwie eingeschüchtert, als ich im Raum war.

Foto: Nina Francesca Nagele

Foto: Nina Francesca Nagele