3Plusss – „Es geht zurzeit mehr um Gimmicks als um Gefühl.“

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Von 3Plusss gab es im letzten Jahr kaum ein Lebenszeichen. Der Essener hat sich zurückgezogen, viel Earl Sweatshirts „I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside“ gehört und musste nach dem Trubel der letzten Jahre erst mal Luft holen. Diesen Freitag kommt nun über Warner Music die EP „Auf der Stelle“ raus – komplett produziert von Bennett On und Peet. Wir trafen 3Plusss in seiner Essener Wohnung voller Haare und sprach mit ihm über Erwartungshaltungen, Selbstmitleid und Gimmick-Mucke. #keinfriseurbisalbum

Du meintest, du gehst nicht zum Friseur, bevor das Album erscheint. Jetzt kommt aber eine EP.

Deshalb werde ich auch immer noch nicht zum Friseur gehen. Überall auf meinem Oberteil hängen schon Haare rum. Das kenne ich sonst nur von Frauen. Die ganze Wohnung voller Haare. Das ist kein Spaß mehr.

Du hast aber immer subtil ein Album angekündigt. Warum gibt es jetzt doch eine EP?

Es ist die diplomatische Musikerantwort: Es hat sich so ergeben in der Albumarbeit. Es ist ein Projekt, das nichts mit dem Album zu tun hat, sondern im Laufe der Arbeiten entstanden ist. Aber die EP ist trotzdem nicht als Warm-up zu verstehen, sondern gilt als komplett eigenständiges Release. Obwohl EPs ja irgendwie einen schlechten Ruf haben. Ich mag aber EPs. Es ist schwieriger, auf EPs irgendwas zu verkacken. Deshalb ist es auch angenehmer, weil man, glaub ich, selten enttäuscht wird. Schön kompakt. Außerdem ist es ein erster Gehversuch von Peet, Bennett On und mir im Team.

Also werdet ihr auch in Zukunft als festes Team zusammenarbeiten?

Ich hoffe. Denke schon. Wir verstehen uns gut und haben Bock. Die fahren halt immer irgendwelche Filme, ziehen Sachen in die Dropbox und ich fühl es komplett. Es ist ein offenes und ehrliches Miteinander. Wenn es nach mir geht, können wir für immer so weitermachen. Ich hab mich noch nie so angekommen gefühlt. Das Album machen wir auf jeden Fall zusammen und hoffentlich die Alben danach auch.

„Ich musste akzeptieren, dass diese Selbstmitleidsschiene auf eine gewisse Art ein Teil von mir ist.“


Die EP vermittelt eine ganz andere Atmosphäre als alles, was du vorher gemacht hast. Das liegt vor allem an den Produktionen von Peet und Bennett On.

Es hat zum ersten Mal überhaupt eine Atmosphäre. Die alten Releases waren mehr eine Aneinanderreihung von Tracks und Gehversuchen. Dieses Mal habe ich das Gefühl, dass wir zum ersten Mal ein abgeschlossenes, in sich stimmiges Projekt haben, das Sinn ergibt und einen Spannungsverlauf hat. Die beiden sind auch einfach krasse Musik-Nerds und gehen mit einer unglaublichen Detailverliebtheit da ran. Ich kann halt kein Instrument spielen und auch kein Beat-Programm bedienen, sondern nur reinrufen, Beispiele zeigen oder Dinge vorsummen. Die beiden haben mir mal erklärt, was es überhaupt für Referenzen auf der EP gibt. Ich entscheide immer nur nach Gefühl, was zusammenpasst. Wir sind alle aber sehr zufrieden mit dem gesamten Projekt. Ich habe noch nie so viel Texte geschrieben. Ich hätte bei manchen Sachen früher viel mehr Skrupel gehabt, das zu machen. Dieses mal dachte ich mir: Scheiß drauf. Bei so was wie „Hey Pinguin!“ hätte ich mir vor einem Jahr noch fünfmal überlegt, ob ich das da drauf packe.

Wie kommt es, dass du nun solche Songs wie „Hey Pinguin!“ machst und auf der EP lässt?

Ich musste erst mal akzeptieren, dass diese Selbstmitleidsschiene auf eine gewisse Art ein Teil von mir ist. Aber jetzt nicht so rumheulmäßig, von wegen „Ich will wieder 15 sein“. Sondern eher: „Es ist alles scheiße, aber kack drauf.“ Ich scheiß dann halt noch mal drauf, wenn alles scheiße ist. Irgendwann ist die Scheiße auch wieder weg. Verletzbar sein vor den Augen und Ohren tausender Leute hat mir damals halt auch nicht so wirklich gefallen. Mittlerweile denke ich mir, dass alles, was ich mache, so ehrlich gemeint ist, dass ich, wenn du es dann scheiße findest und es als Rumheul-Klischeescheiße abstempelst, dich nicht ernst nehmen kann, weil ich glaube, dass jeder solche Tendenzen, wie ich sie auf der EP beschreibe, in sich hat. Wenn du dir das nicht eingestehen kannst, dann bist du da, wo ich vor einem Jahr war. Ich habe halt nicht immer gute Laune und bin der krasseste Typ auf jeder Party. Das ist nicht die Realität. Die Realität ist, dass ich vorhin in Scheiße getreten bin und ausgerechnet heute meine Schuhe nicht ausgezogen habe, als ich in die Wohnung gegangen bin. Das Ganze war ein Reifeprozess, aber auf keinen Fall ein Erwachsenwerden.

„Lieber ehrlich verkacken, anstatt erfolgreich nie so richtig man selbst sein.“


Du wirkst auf jeden Fall viel ausgeglichener.

Ich hatte die letzten Jahre nie wirklich Zeit, Luft zu holen. Nach dem VBT kam direkt das Album, danach das zweite. Zwischendurch Touren und Festivals. Das war alles krass neu und viel für mich und ich hab mich sehr verkrampft und bemüht, alles richtig zu machen, um nachher nichts zu bereuen. Weil ich eben so dankbar war, die Chance zu bekommen, durchs Land zu reisen und eine Zeit lang einfach nur Mucke zu machen. Ich habe es auf dem Papier nicht verkackt, aber halt sehr wenig Spaß gehabt in der ganzen Zeit und sehr viel Rolle gespielt. Wenn Leute von mir erwartet haben, dass ich gute Laune hab, dann hab ich versucht, gute Laune zu haben. Sobald aber das Licht dann aus war, habe ich noch schlechtere Laune gehabt als ohnehin schon, weil ich mich die ganze Zeit so hart verkrampft habe. Das haben viele Leute in meinem Umfeld zu spüren bekommen. Es gab ein paar Brüche in meinem Leben, die dazu geführt haben, dass ich mich eine Zeit lang zurückgezogen habe und viel „I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside“ von Earl Sweatshirt gehört habe. Dann habe ich halt gedacht, wenn ich für mich eh schon alles vor die Wand gefahren habe, dann kann ich auch machen, was mir gefällt. Wenn die Leute den Anknüpfungspunkt zu den vergangen Sachen nicht mehr sehen, dann ist das halt so. Dafür bin ich dann mit etwas abgetreten, wo ich hundertprozentig dahinterstehen kann. Lieber ehrlich verkacken, anstatt erfolgreich nie so richtig man selbst sein. Es bedeutet mir was, wenn Leute das feiern. Es bedeutet mir aber auch nichts, wenn sie es nicht tun. Ich kann nur gewinnen.

Hast du mit deinem letzten Album den großen Durchbruch erwartet?

Nicht unbedingt. Also ich hatte nie das Gefühl, dass ich krass gefloppt bin. Aber auch auch nicht, dass ich jetzt „gewonnen“ hätte. Ich hatte mich einfach krass verkrampft und denke mir heute, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn ich damals schon entspannter an die Sachen rangegangen wäre und komplett gemacht hätte, was ich will. Ich habe alle Entscheidungen damals selbst getroffen, aber mir im Hinterkopf sehr viele Gedanken gemacht, wie ich wahrgenommen werden möchte. Das letzte Release hat sich so angefühlt, als hätte ich wochenlang sehr hart trainiert und es hat aber nur für ein Unentschieden gereicht. Als ich damals aus diesem VBT-Zyklus raus einen kleinen Hype hatte, habe ich mir auch sehr viel Arschgekrieche angehört. Das habe ich zwar nie so krass an mich rangelassen, aber diese Erwartungshaltung, einer „von den nächsten“ zu sein, habe ich mitgenommen. Und dann zu merken, dass man eben nicht nachgerückt ist, und dazu auch noch teilweise Feedback zu bekommen im Sinne von „Ja, schade“, war etwas ernüchternd. Aber diese Erfahrung gemacht zu haben, dass du in dem einem Moment der King bist, überall Gästeliste hast und alle mit dir hängen wollen, und wenn du dich zurückziehst, keiner dieser Leute mehr da ist, war sehr interessant. Früher habe ich gedacht, solche Menschen sind scheiße, die Leute einfach hängen lassen, sobald sie nicht mehr angesagt sind. Aber mittlerweile habe ich gemerkt, dass so was ganz normal ist in dieser Industrie. Das ist echt eklig und überhaupt nicht ehrlich. Ich hab noch nie ein ehrliches Gespräch auf einer dieser Scheißpartys geführt. Das ist oberflächliches Kackgequatsche. Und eigentlich ist es auch scheißegal, wenn mir irgendein Bürotyp von irgendeiner Booking-Agentur erzählen will, was ich erreicht hab und was nicht. Wenn ich nur eine CD verkaufe, die meine Mutter gekauft hat, habe ich trotzdem eine schöne CD gemacht und schonmal mehr erreicht, als die Leute, die mich damit vollquatschen. Dieses Bewusstsein hat mir früher gefehlt.

„Kiffen hilft dabei, mich selbst zu beruhigen und mal in anderen Bahnen zu denken.“


Du hast früher nicht gekifft. Auf der EP spielt das jetzt aber eine Rolle. Hat es Einfluss auf dich genommen?

Auf jeden Fall. Ich bin von Natur aus eher ein bisschen hyperaktiv. Ich werde nervös, wenn Dinge nicht sofort klappen. Ich habe oft Ideen und bin dann frustriert, weil es so ein langer Weg bis zur Umsetzung ist. Kiffen hilft dabei, mich selbst zu beruhigen und mal in anderen Bahnen zu denken. Ich mag es, mich mit Leuten zu unterhalten, die meinen Standpunkt ändern. Das passiert oft, wenn man zusammensitzt und sich über irgendein Scheiß unterhält, wie jetzt mit dir zum Beispiel. Kiffen hat geholfen, mich auf so was einzulassen. Ich bin nicht mehr bei jeder Kleinigkeit sofort frustriert. Ich kann den Dingen ihre Zeit lassen. Die EP ist seit Juni fertig und liegt jetzt ein halbes Jahr rum. Beim letzten Album hättest du mir damit nicht kommen können.

Hat es auch die Art und Weise, wie du Musik hörst und machst, beeinflusst?

Ich habe früher zum Beispiel gar keinen Ami-Rap gehört. Ich habe nie den Anschluss gefunden, das war mir zu anstrengend. Mittlerweile bin ich offener. Ich lasse mir viel von Bennett On und Peet schicken. Das hat meistens aber überhaupt nichts mit Rap zu tun. Inhaltlich stelle ich den Text über alles. Mir sind Flows und krasse Zehnfachreime ziemlich latte. Es geht mir um eine geile Kombination von allem, aber ich mag geile Bilder in den Texten. Ich mag Spannungsbögen und Hommagen an Gedanken von anderen Leuten. Ich mag Ideen. Technikrap hat selten was mit Ideen zu tun, sondern viel mehr mit akribischem Abarbeiten. Mit weniger Worten mehr zu sagen, ist eher mein Ding.

Hast du bei der EP die Befürchtung, dass alte Fans da eventuell nicht mehr mitziehen?

Ich habe auch schon früher Songs gemacht, die melancholischer waren. Ich finde, es ist ziemlich stringent, was ich mache. Sowohl Sound als auch Inhalt. Da ist kein kompletter Umbruch. Ich habe ein paar Faxen weggelassen. Mit Sicherheit werde ich aber immer Leute verlieren, hoffentlich aber auch wieder welche dazugewinnen. Ich muss zwar von Rap leben, bin aber kein Dienstleister und werde nicht glücklich, wenn ich nur das tue, was irgendjemand von mir will.

Hast du Angst, nun als „deeper Emo-Rapper“ in eine Schublade gesteckt zu werden?

Der Gedanke kam mir, aber das war keine Angst, sondern eine Erkenntnis. Schubladen sind menschlich und ich brauche auch meine Schubladen beim Musikhören. Man muss alles irgendwo einordnen. Ich habe dafür Verständnis, weil ich oft selber so bin. Wenn jetzt irgendjemand sagt: „Hä, bist du jetzt Prinz Pi oder was?“, dann soll er das denken. Jeder empfindet so was ja auch anders. Ich kann mich da noch so viel erklären, wenn die Leute es nicht feiern, dann tun sie es nicht. Hat man nicht im Griff.

„Ich finde es scheiße, wenn talentierte Leute auf einen Zug aufspringen.“


In der ersten Videoauskopplung „Fhug Life“ sagst du: „Wie kann ich rappen und euch so scheiße finden? Wir machen’s nicht aus den gleichen Gründen.“ Was sind deine Beweggründe zu rappen und warum sind andere scheiße?

Ich will ich selbst sein und mich kreativ ausleben. Bei vielen anderen beobachte ich, dass die ihre Mucke in Konserven pressen. Das, was ich teilweise auch beim alten Album gemacht habe. „Bitte verstehe es bloß.“ Das sind Perlen vor die Säue. Ich finde es scheiße, wenn talentierte Leute auf einen Zug aufspringen. Ich habe auch Leute kennengelernt, die sich vor der Kamera in Interviews einfach komplett anders geben, als sie wirklich sind. Ich kann das nicht nachvollziehen. Du könntest du selbst sein und damit so viele Leute dazu inspirieren, auch sie selbst zu sein. Anstatt sich den vielen Facetten, die man in sich trägt, hinzugeben, wird alles ganz klein und verständlich zu halten, um möglichst viel zu verkaufen. Aber das ist doch keine Fließbandarbeit.

Das hat wahrscheinlich auch mit der heutigen Art zu tun, Dinge zu konsumieren. Es muss kurzweilig und leicht verständlich sein und darf einen vor allem nicht fordern. Rapper versuchen einfach nur, diesen Markt zu bedienen.

Damit wird es zu tun haben. Aber ich glaube, die Kids wollen es, weil es ihnen angeboten wird und nicht andersrum. Wenn ein Großteil der Rapper einfach morgen aufhören würden, Promo zu machen, dann würden die Kids die Mucke wieder unvoreingenommener hören. In einer Zeit, in der Rapper ihren Fans in Interviews erklären müssen, warum der und der Song gut ist, wäre das ein krasser Move. Man wird in sozialen Netzwerken so übersättigt, dass man keine Schwerpunkte mehr setzen kann, weil alles nur noch ein Brei ist. Die Kids nehmen sich auch einfach nicht mehr die Zeit, sich eine Stunde hinzusetzen und ein Album durchzuhören. Die Story hinter dem Menschen interessiert die Leute nicht mehr. Die wollen den 3-Minuten-Kick. Aber das kann doch keiner wollen, dass Leute nur noch Singles rausbringen. Wie geil ist das denn? Du kriegst jeden Freitag neue Releases serviert. Du zahlst zehn Euro für Spotify im Monat und hast freien Zugang. Setz dich Freitagabend mal hin und lass doch mal durchlaufen. Nebenbei zockst du, machst dir einen Tee, rauchst eine. Wie schön ist das denn? Aber es geht zurzeit mehr um Gimmicks als um Gefühl. Musik muss für mich vom Herzen kommen. Dadurch, dass es in so leicht verständliche Bahnen gelenkt wird, verliert es viel von dem anfänglichen Gefühl. Das ist schade.