102 Boyz: „Das ist Koks zum Hören.“ // Interview

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In der Geschwindigkeit des Soundcloud-Zeitalters erfindet sich Rap konstant neu. Nach der Cloud-Rap-Trap-Schiene definiert sich eine neue, junge Rap-Welle – und zwar durch die 102 Boyz Kkuba, Chapo, Addikt, Stacks, Skoob sowie deren Produzenten Szunaka, Sboy und Bobby San. Vernetzt mit Producern und Rappern von Oldenburg über Duisburg bis Aachen macht sich im Untergrund eine neue Rap-Offensive startklar, 2017 zu übernehmen. Die Gruppendynamik der 102 Boyz ist repräsentativ für die Entwicklung vom 2013er „Sad Lonesome Bedroom Producer“ hin zu immer härter ballernden Collaborations. Mit Auto-Tune-Adlibs und ungeschönter Straßen-Lingo gespickt, verbinden die Jungs die besten Deutschrap-Entwicklungen der der letzten Jahren und bringen einen ganz neuen, aufregenden Sound hervor. splash! Mag-Autorin Dora Cohnen hat sich mit den Jungs vor ihrem Auftritt mit Juicy Gay in Köln zu einem der vermutlich chaotischsten, aber unterhaltsamsten Interviews des Mags getroffen.

Chapo, du musstest noch arbeiten, deswegen seid ihr erst kurz vor dem Konzert angekommen. Erst Arbeit, dann Konzert. Wird das immer so bleiben, oder strebt ihr was Anderes an?

Chapo: Spätestens in einem Jahr habe ich mein Abi oder vielleicht auch nicht. Danach gehe ich studieren – oder ich mache nichts, je nachdem ob ich das Abi schaffe.

Skoob: Schaffst du eh nicht.

Chapo: Frag‘ uns in einem Jahr nochmal.

Was strebt ihr mit den 102 Boyz an?

Durcheinander: Alles, was geht!

Chapo: Wir ficken alles. Den Sound, den wir machen, gibt es in Deutschland nicht. Ganz einfach.

Addikt: Auto-Tune-Deutschland – alles hört sich gleich an. Dann kommen wir, wir heben uns ab. Das können wir auch so behaupten.

Kkuba: Mit Charts hat unsere Musik gar nichts zu tun, aber wenn es um die Geldquelle geht, wäre ich gerne in den Charts, Digga.

Stacks: Wir würden uns niemals dem anpassen, was gerade cool ist und was gerade gefeiert wird. Es wäre aber cool, wenn das, was wir machen, plötzlich gehypt wird.

Chapo: Aber es wird so sein. Safe. Da bin ich vielleicht eingebildet und arrogant und ein dummer Hurensohn, aber ich weiß das. Ohne Witz, wer macht sowas wie „Du kleiner Hund“ (Track auf dem neuen Tape, Anm. d. Red.)? Weißt du, niemand. Alle machen: „Ich hab kein Kokaina, aber ich rede vom Kokaina.“ Mach‘ da kein KMN-Diss draus, aber du weißt, was ich meine. Das machen alle in Deutschland.

Klassischer Rap wurde in den letzten Jahren mit Auto-Tune und unkonventionellen Texten dekonstruiert und wieder neuerfunden – auch von Leuten, wie Juicy Gay, mit dem ihr heute Abend aufgetreten seid. Wie habt ihr das umgesetzt?

Chapo: Ohne Witz, „Kein Problem“ ist der klassischste Rap-Track. Er hat Flow und die Hook hat Haze-Flavour. Kennst du Haze? Haze ist eine der besten klassischen Rapper in Deutschland.

Stacks: Boom Bap in Deutschland macht keiner so gut wie Haze.

Kkuba: Haze macht im Prinzip Boom Bap, wie wir Trap machen.

Skoob: Ey, ich hab Shotgun. – Es gibt einen Unterschied zwischen normalem Deutschrap und der Trap-Schiene, die sich momentan entwickelt. In Amerika noch krasser, da ist Trap einfach ein Genre. In Deutschland entwickelt es sich gerade auch dahin. Immer mehr Leute, die Trap und heftige Musik machen, kommen hoch. Wir gehen schon mit dieser Welle, aber wir grenzen uns trotzdem ab. Wir bringen einfach einen krasseren Straßensound, der viel dreckiger und heftiger ist – einfach mehr auf die Fresse.

Stacks: Shotgun zweiter. – Wir machen einfach die Musik, die wir selbst gerne hören würden. Und wir achten auf viele Kleinigkeiten. Bei uns ist das so: Einer geht ins Studio, nimmt seinen Part auf und dann macht er die Adlibs dazu. Chapo, zum Beispiel: Er macht ein Adlib, wo er ein bisschen singt und alle rasten aus. Dieser eine Teil, diese eine Sekunde…

Addikt: …das ist die Magie.

Stacks: Das ist der Beweis. Das ist zwar rough und hat Ecken und Kanten, aber wir machen das komplett so, wie wir Bock drauf haben. Und nicht weil es in den Charts gut kommt oder weil Ufo das gerade ähnlich macht.

Chapo: Man kann jetzt nicht sagen, dass Ufo361 nicht geil ist, man kann jetzt auch nicht sagen, dass Hafti mit seinem letzten Album nicht geil war, das war geil, das war guter Trap so. Der grundlegende Faden an der Sache ist…

Skoob: Was für Faden?

Chapo: …dass wir nichts nachmachen. Wir sagen einfach das, was wir meinen. Wenn jemand eine Hure als Freundin hat, dann sage ich das so. Es ist einfach alles offen, das sind wir. Sau viele denken, wir wollen auf die dicksten Gangster machen, die es gibt in Deutschland – das wollen wir absolut nicht. Wir wollen einfach nur damit sagen, was wir machen.

Wir ficken alles. Den Sound, den wir machen, gibt es in Deutschland nicht. Ganz einfach.

Chapo

Skoob meinte, ihr verbindet Trap mit Straßenrap. Wenn ihr euch für diese Mischung eine Zutatenliste ausdenken müsstet, wie sähe die aus?

Stacks: Das schlechteste Auto-Tune-Plug-In und das billigste Mic, das du findest und eine Flasche Puschkin. Und ein Bobby-San-Beat. Dann hast du das, was du brauchst, um unsere Musik zu machen.

Chapo: Als Fünftes einen Haufen Energie und als Sechstes einen Geistesblitz. Wenn du einen Bobby-Beat hörst und mit Bobby im Studio bist ist es nicht so, dass er rein kommt und sagt: „Das sind meine Beats.“, sondern: „Ey, was habt ihr euch vorgestellt?“ Und dann sagen wir, wir wollen „auf die Fresse“, wie bei „Was soll das“ – komplett auf die Fresse. Es geht nicht darum, dass du jemanden nicht magst, aber du willst jemandem auf die Fresse hauen.

Stacks: Das ist Koks zum Hören.

Was bedeutet 102 und 33?

Kkuba: 33 ist unsere Corner.

Skoob: 33 ist halt so eine Ecke, in der wir immer gechillt haben. Die wurde jetzt abgerissen und darauf wurde einfach ein Haus gebaut. Und wir denken einfach, „Alter, was ist mit euch, ihr könnt doch nicht einfach unsere Ecke abreißen? Wo ist unsere Corner?“ – Da kamen immer Leute vorbei.

Chapo: Das war so ein Junkie-Haus, da lagen Matratzen drin, weißt du…

Skoob: Man konnte darin einfach chillen!

Chapo: Für einen Junkie war das das Paradies.

Skoob: Und 102, das kommt vom Malen, von den ersten Graffiti-Erfahrungen. Wir haben das so entschieden und dann sind wir dabei geblieben.

Mit „Pogba“ seid ihr ja bekannt geworden. Was ist die Geschichte hinter diesem Erfolg?

Addikt: Ausschlaggebend war dieses „Lewan-Lewan-Lewandowski“. Das ist bis zu einem polnischen Major-Label durchgesunken. Einer von denen heißt Kobik, der hat unseren Track geteilt. Dadurch ist unsere polnische Fanbase entstanden.

Chapo: Wir saßen zu zweit bei Kuba zu Hause, und dann meinten wir, lass mal was aufnehmen. Dann haben wir nach Beats gesucht, aber nichts gefunden. Dann haben wir bei YouTube gesucht, direkt einen gefunden, den einfach genommen und dann kam direkt dieses „Lewan-Lewan-Lewandowski“. Und dann kam auf einmal Stacks, wir kannten ihn schon, aber wir wussten nicht, welche Ausmaße es annehmen würde.

Stacks: Ich stand in der Schule in der Pause immer beim Rauchen dabei, aber man kannte sich halt nur von dort.

Chapo: Hättest du dir „Pogba“ damals angehört und so, wie es jetzt klingt… Wir würden niemals da sein, wo wir jetzt sind – niemals!

Wieso kommt euer Deutschrap in Polen so gut an?

Chapo: Wir vermuten wegen dem „Lewan-Lewan-Lewandowski“. Kennst du diesen Hype um französischen Trap? Man versteht kein Wort, aber man fühlt es. Bei den Adlibs, zum Beispiel: Du verstehst sie nicht, aber du weißt, welches Wort da jetzt reinkommt. Den Polen geht das mit uns genauso.

Stacks: Es war auch Fußball zu der Zeit, glaube ich, denn unter dem YouTube-Video ist ein Kommentar: „Lewandowski wird morgen alles zerficken.“

Kkuba: Ich schwöre, das war Champions League.

Addikt: Nein, es war EM, Mann.

Bei so Sachen wie „Vertrau niemals irgendeiner Schlampe, sie sind hinterhältig und wollen angeblich nur deine Kasse“ fühlt man sich als Frau angesprochen. Was meint ihr damit?

Skoob: Dieser Song ist entstanden, nachdem einem Kollegen, der damals auch auf unserem YouTube Kanal war – ich will seinen Namen nicht sagen, weil er es nicht verdient hat, erwähnt zu werden – von seiner Freundin ein Ultimatum gestellt wurde: „Willst du 102 oder willst du mich? Er meinte einfach, ich will dich. Und jetzt macht der Work and Travel in Australien. Der fliegt irgendwo rum und wir sitzen hier. Ich schwöre, er macht das wirklich. Kuba hat einfach seine ganze Wut in diesen Track verwandelt. Vertrau niemals den Weibern mehr als deinen Brüdern!

Stacks: Jeder von uns hat mindestens eine miese, beschissene, Erfahrung mit einer Frau gemacht. Einige von uns lernen nicht daraus, aber die meisten haben daraus gelernt und das fließt in unsere Musik rein. Wir denken uns nicht irgendwas aus, wir machen das, was wir sehen, was wir machen, was wir fühlen.

Chapo: Was aber auch nicht heißt, dass wir keine Freunde haben, die wirklich nette Freundinnen haben. Shoutouts an Bokel und Inga!

102 kommt vom Malen, von den ersten Graffiti-Erfahrungen.

Skoob

Was für Gefühle habt ihr im Hinblick darauf, bald auf dem splash! zu spielen?

Skoob: Im Sommer letzten Jahres habe ich gesagt, es wäre mein größter Traum, 2017 auf dem splash! zu spielen. Wir dachten, das wird noch voll lange dauern und auf einmal kam diese scheiß E-Mail.

Chapo: Wir haben sie noch nicht mal gelesen. Wir haben sonst nie E-Mails bekommen! Kuba schreibt uns irgendwann so: „Hey, uns hat jemand vom splash! geschrieben, ob wir bei Denzel Curry Pre-Act machen können.“

Skoob: Denzel Curry ist ein absoluter Gott für uns.

Chapo: Das war halt mein Lieblingsrapper und auf einmal meinte Kuba, dass das übermorgen wäre. Wir haben dann direkt zurückgeschrieben, die meinten aber, das ist dann zu kurzfristig war und sie schon jemand anderes haben. Aber er meinte: „Ich feier euch, weil Asadjohn – bester Mann – mir die Tracks gezeigt hat. Mit Denzel ist es jetzt zu kurzfristig, aber auf’s splash! bekomm‘ ich euch wohl.“ Das hat keine 30 Minuten gedauert von Denzel Curry bis splash!. Wir sind absolut nicht klar gekommen, wir haben fast geheult.

Was hört ihr so, wenn ihr gemeinsam rumhängt?

Addikt: Ich würde sagen, der, der noch nichts gesagt hat, fängt an! Bobby?

Bobby San: Was ich gerade höre?

Kkuba: Digga, ich höre 102.

Stacks: Based, das pumpe ich gerade.

Kkuba: Hugo Nameless, aber unreleaste Sachen!

Chapo: Das Ding ist, weißt du, alle kennen Hugo Nameless und Fruchtmax mit dem, was sie so machen. Aber das, was Hugo Nameless jetzt macht, ist komplett anders.

Sboy: Ey, for real, Chief Keef.

Addikt: Und jetzt Bobby, was hörst du?

Bobby San: Black Kray.

Skoob: Aber wenn wir zusammen chillen, dann hören wir eine Mischung aus gutem Ami-Trap, gutem Franzosen-Trap und ein bisschen Deutschrap – und viel von uns.

Das Tape „Broke Youngstas“ ist ab heute draußen.